Die Digitalisierung muss nachhaltiger werden

Nachhaltigkeit Digitalisierung (Symbolfoto)
Digitalisierung: Aus Sicht des TÜV-Verbands müssen rechenintensive Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI) unbedingt auch unter Nachhaltigkeitsaspekten betrachtet werden (Foto: 3rdtimeluckystudio/123rf.com)

Die Digitalisierung ist im Gesundheitsbereich längst in vollem Gang. Jetzt aber warnt der TÜV-Verband: Digitale Technologien sind eine enorme Belastung für Umwelt und Klima. Er fordert klare Regeln und Nachhaltigkeitskriterien.

Digitalisierung? Ja, bitte! Aber einer großen Mehrheit der professionellen Anwender in Deutschland ist bewusst, dass digitale Technologien längst nicht immer umweltschonend und klimafreundlich sind. Fast vier von fünf Unternehmen in Deutschland stimmen der Aussage zu, dass Rechenzentren und digitale Endgeräte dringend ressourcenschonender werden müssen (78 Prozent). Und 81 Prozent sehen in der Zunahme von digitalen Endgeräten und somit Elektroschrott ein großes ökologisches Problem. Das hat eine repräsentative Ipsos-Umfrage im Auftrag des TÜV-Verbands unter 504 Unternehmen ab 25 Mitarbeitenden ergeben.

Zweischneidiges Schwert

„Digitale Technologien treiben nachhaltiges Wirtschaften voran, sind aber auch eine enorme Belastung für Umwelt und Klima“, meint Juliane Petrich, Referentin für Politik und Nachhaltigkeit beim TÜV-Verband. „Die energiehungrigen Rechenzentren müssen effizienter sowie Endgeräte ressourcenschonender und langlebiger werden.“ Laut Umfrage sagt etwas mehr als die Hälfte der Befragten, dass digitale Technologien gleichzeitig einen wichtigen Beitrag für mehr Umwelt- und Klimafreundlichkeit in ihrem Unternehmen leisten (57 Prozent). So können digitale Technologien zum Beispiel genutzt werden, um die Energieeffizienz von Produktionsprozessen zu verbessern, die Abfalltrennung bei Recyclinganlagen zu automatisieren oder die Leistung von Windparks zu optimieren.

Produkte nachhaltiger gestalten

Die Umfrage verdeutlicht die ökologischen Spannungsfelder der Digitalisierung: Rechenzentren, Kommunikationsinfrastrukturen und die steigende Anzahl an Endgeräten benötigen immer mehr Energie und knappe Rohstoffe. „Die zentrale Herausforderung besteht darin, den digitalen Wandel so zu gestalten, dass er zum Treiber für eine nachhaltige Zukunft wird und ökologische Krisen nicht weiter verschärft“, sagt Petrich. Um den CO2-Fußabdruck und den Kühlaufwand großer Serverfarmen zu senken, müssten bereits bei der Standortwahl und für den Bau von Rechenzentren strenge Kriterien gelten. „Die Abwärmenutzung muss geregelt und der Energiebedarf weitgehend aus erneuerbaren Quellen gedeckt werden“, so Petrich. 

TÜV-Verband Positionspapier „Chancen von Grüner IT und KI nutzen“: Downloadlink

Die Bundesregierung hat die wesentlichen Ziele und Maßnahmen für eine nachhaltige Ausrichtung von Rechenzentren im Koalitionsvertrag festgehalten. Jetzt kommt es auf eine konsequente Umsetzung an. Petrich: „Unabhängige Prüfungen stellen die Einhaltung dieser Anforderungen bei Planung, Bau und dem nachhaltigen Betrieb von Rechenzentren sicher und sollten gesetzlich festgeschrieben werden.“

Schon bei der Produktentwicklung anders denken

Ein weiteres Problem sieht der TÜV-Verband im enormen Verbrauch und der kurzen Lebensdauer elektronischer Geräte. Ob Smartphones, Tablets, Wearables oder andere digitale Gadgets: kurzlebige Produkte schaden der Umwelt. „Für Hardware müssen schon bei der Produktentwicklung Nachhaltigkeitsanforderungen gelten“, sagt Petrich. „Unter anderem sollten Zielwerte für recycelbare Anteile und die Lebensdauer eines Produkts gesetzlich festgelegt werden.“ 

Reparaturmöglichkeiten und Software-Updates

Zudem sollten in einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft Produkte repariert werden können, um ihre Haltbarkeit zu verlängern. „Eindeutige Hinweise wie ein ‚Ready for Repair‘ Zeichen könnten den Verbraucher:innen Kaufentscheidungen im Sinne der Nachhaltigkeit erleichtern“, sagt Petrich. „Mit einem Prüfzeichen versehene Produkte müssten spezifische Anforderungen erfüllen wie zum Beispiel das Vorhalten von Ersatzteilen, den einfachen Austausch von Komponenten oder garantierte Software-Updates.“ Wichtig sei zudem der einfache Zugang zu Reparaturmöglichkeiten. Reparaturen sollten deshalb von qualifizierten Freien Werkstätten und nicht allein von eigenen oder autorisierten Werkstätten der Hersteller und Händler durchgeführt werden können.

Energiehungrige KI-Systeme

Nicht zuletzt müssen aus Sicht des TÜV-Verbands auch besonders rechenintensive Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI) unter Nachhaltigkeitsaspekten betrachtet werden. „KI-Modelle, die mit großen Datenmengen arbeiten, verbrauchen viel Energie. Aktuell macht allerdings kaum ein Unternehmen den CO2-Ausstoß der Anwendungen transparent“, sagt Petrich. „In Zukunft sollte der Energieverbrauch bei der Entwicklung großer KI-Systeme dokumentiert werden müssen.“ Lösungen für eine energieeffiziente KI-Modellierung stehen heute schon bereit. Petrich: „Komplexe KI-Systeme sollten trainiert werden, wenn viel erneuerbare Energien zur Verfügung stehen. Bei Knappheit können Trainingspausen eingelegt werden, um nicht auf fossile Energieträger ausweichen zu müssen.“

Für die Bewertung von Nachhaltigkeitsaspekten von KI-Systemen werden derzeit entsprechende Prüfmethoden entwickelt. Der TÜV-Verband hat gemeinsam mit dem BSI und dem Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut (HHI) in einem Papier auf die Auditierbarkeit von KI-Systemen hingewiesen. Im TÜV AI Lab werden bereits heute geeignete Prüfverfahren entwickelt, um die angestrebte Regulierung von Künstlicher Intelligenz von Anfang an begleiten und praktische Anwendungsbeispiele liefern zu können.

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