KI-Brille lotst Blinde durch die Stadt

Smarte Brille von AiServe Technologies
AiServe Technologies aus Leipzig will sehbehinderte und blinde Menschen mittels künstlicher Intelligenz durch die Straßen lotsen. (Foto: AiServe Technologies)

Für Blinde und stark sehbehinderte Menschen ist es nach wie vor schwierig, ohne fremde Hilfe durch eine belebte Stadt zu kommen. Das Leipziger Startup AiServe Technologies GmbH hat eine intelligente Sehhilfe entwickelt, die hier für Abhilfe sorgt.

Der Blindenstock und ein Blindenführhund sind wertvolle Hilfen für Menschen ohne Sehkraft, doch alles andere als unauffällig. Die Leipziger AiServe Technologies GmbH will hier für Abhilfe sorgen: Sie hat ein diskretes, tragbares Gerät mit Sprachausgabe entwickelt, das an eine Brille angeschlossen wird. Mit einer integrierten Kamera erfasst das Gerät die Umgebung in Echtzeit, um dann über den Lautsprecher ein Audiofeedback zu geben. Der Nutzer auf dem Bürgersteig erhält genaue Informationen, ob er beispielsweise weiter rechts oder links gehen soll. Taucht ein Hindernis auf, wird der Nutzer zum sofortigen Anhalten aufgefordert.

Keine GPS-Daten

„Durch die Kombination von Computer Vision und künstlicher Intelligenz haben wir ein System entwickelt, das die Umgebung analysiert und die verschiedenen Elemente wie Fahrräder, Autos und Menschen erkennt“, erläutert Gustavo Madico, Geschäftsführer und Mitbegründer des jungen Unternehmens. „Unsere Software schafft einen sicheren Navigationsweg innerhalb der Fußgängerzonen, erkennt Hindernisse per Computer-Vision“, betont der Firmengründer gegenüber mednic.de. Die Lösung kommt dabei ohne die Nutzung von GPS-Daten aus.

Sehbehinderter Aktivist gibt Anstoß

An den Start gegangen ist das sächsische Unternehmen im August 2018, doch schon zuvor arbeitete das Team an verschiedenen Lösungen für das Vorhaben. „Wir haben das Projekt vor drei Jahren gestartet, nachdem wir Dario Sorgato, einen italienischen Aktivisten mit Sehbehinderung, getroffen hatten. Wir wurden Freunde und wir entdeckten das erstaunliche Problem, nicht jeden Tag selbstständig gehen zu können“, erläutert Madico die Beweggründe.

Obwohl der Lösungsansatz rundweg überzeugt, muss das Jungunternehmen mit Problemen kämpfen: „Beispielsweise ist die Erstattung und die jeweilige Regelung in jedem Land anders, was Zeit bis zur Markteinführung in Anspruch nimmt“, betont der Firmenchef. Auch verschiedene Szenarien der Geh- oder Straßentypen machten eine Neukonfiguration des Systems nach Ländern erforderlich.

Dennoch will das Unternehmen jetzt durchstarten: Zuerst wird die smarte Sehhilfe in Skandinavien und Deutschland eingeführt, danach sollen die USA, China und Israel folgen. Insgesamt sieht Madico Deutschland als ein ausgezeichnetes Land für Innovationen bei medizinischen Startups an, da es einen Talentpool an Ingenieuren, große medizinische Akteure und Startup-Unterstützung von staatlichen Stellen gibt. Er bemängelt jedoch, dass dass Erstattungsprozesse, Pilotversuche und Entscheidungsprozesse oft viel länger dauern als in anderen Ländern. Zudem ist der deutsche Markt kleiner als die USA und China.

Der Wittener Preis für Gesundheitsvisionäre wird in diesem Jahr zum fünften Mal verliehen. Die AiServe Technologies GmbH zählt 2019 zu den Finalisten, die mednic.de als Medienpartner des Wettbewerbs vorstellt. Die drei Gewinner präsentieren ihre Innovation auf der Medica in Düsseldorf.