Gesundheitsbranche vor Paradigmenwechsel

Portraitfoto Dr. Uwe Heckert
Dr. Uwe Heckert ist Geschäftsführer des IT-Dienstleisters Unisys Deutschland GmbH (Foto: Unisys)

Die Digitalisierung verändert die Gesundheitsbranche und unsere gesamte medizinische Versorgung erheblich. Worauf müssen sich Life Science- und Healthcare-Unternehmen einstellen? Welche Chancen bieten sich und welche Risiken drohen für Kliniken, Mediziner und Patienten? Diese Fragestellungen erläutert im mednic-Gastbeitrag Dr. Uwe Heckert, Deutschland-Geschäftsführer des IT-Dienstleisters Unisys.

 Digitale Life Sciences und Healthcare – welche Weichen die Branche jetzt stellen muss

Gastbeitrag von Dr. Uwe Heckert, Geschäftsführer von Unisys Deutschland GmbH

Die digitale Transformation ist inzwischen aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Dieser tiefgreifende Wandel hat nicht nur die Art und Weise verändert, wie wir einkaufen oder Nachrichten verfolgen, sondern auch unsere Kommunikation miteinander nachhaltig geprägt. Im Zuge dieses Wandels haben sich insbesondere auch die Erwartungen der Verbraucher verändert. Die Folge: die meisten Unternehmen mussten ihr Geschäftsmodell überdenken und letzten Endes neu ausrichten.

Besonders ausgeprägt ist dieser Paradigmenwechsel in den Bereichen Life Sciences und Healthcare. Durch die zunehmende Verbreitung vernetzter Geräte und die Vielfalt an Informationsquellen haben Patienten heutzutage wesentlich mehr medizinisches Wissen. Sie nehmen ihre Gesundheit – vor allem inklusive Ernährung und Bewegung – stärker selbst in die Hand und können gegenüber Ärzten, Krankenkassen, Pharmaunternehmen und Apothekern ganz anders auftreten. In diesem Zusammenhang spricht man auch vom „Patient Empowerment“.

Doch wie soll die Branche darauf am besten reagieren und welche technischen Möglichkeiten gibt es? Folgende fünf Empfehlungen helfen hier weiter:

  • Auf den Patienten fokussieren: Um den Verschiebungen Rechnung zu tragen, ist es wichtig, dass Branchenlösungen auf der Grundlage von Patientenbefragungen entwickelt werden und auf die Bedürfnisse der Patienten zugeschnitten sind. Außerdem sollten Kommunikationskanäle für die wechselseitige Kommunikation integriert sein, damit alle Beteiligten während der Customer Journey mit dem Patienten in Kontakt bleiben können. Zudem müssen sich die Lösungen in das Leben der Menschen und ihre Umgebung optimal einfügen. Nicht zuletzt ist es auch wichtig, im Umfeld der Patienten – und vor allem in den sozialen Medien – präsent zu sein, verstärkt mit ihnen in Interaktion zu treten und so letztlich ihre individuellen Bedürfnisse besser zu verstehen.
  • Sicherheit / Privatsphäre in den Vordergrund stellen: Historisch gesehen hat sich das Design von Geräten und Pharmazeutika auf die Mechanik und/oder das Engineering konzentriert, um ein Produkt – zumindest was die Funktionalität anbetrifft – generell marktreif zu machen. Rechtliche Aspekte wurden dabei stets eher im Hintergrund behandelt. In der heutigen Zeit und vor allem vor dem Hintergrund immer komplexerer Regularien ist diese Herangehensweise mittlerweile aber nicht mehr praktikabel. Glücklicherweise haben neue Entwicklungen in der Sicherheitstechnik die Branche in die Lage versetzt, behördliche Überprüfungen eher zu Beginn des Entwicklungsprozesses zu integrieren. So lassen sich unnötige Verzögerungen oder ein eventuell erforderliches Re-Design vermeiden.
  • Intelligente Geräte und IoT ausnutzen: Intelligente Geräte und Sensoren sowie IoT-Technologie sind heute mehr und mehr fester Bestandteil klinischer Studien und aus dem Krankenhausalltag sowie der Welt des Patienten-Monitorings nicht mehr wegzudenken. Durch die stetig wachsende Verbreitung von vernetzten Geräten und Health-Monitoring Apps hat sich auch die Art und Weise, wie lebenserhaltende Geräte wie beispielsweise Herzschrittmacher überwacht werden, deutlich verändert. Die Werte, die diese Geräte und Apps liefern, stellen mittlerweile nicht selten die Grundlage für wichtige medizinische Entscheidungen dar. Dieser Trend muss bei der Entwicklung von intelligenten medizinischen Geräten berücksichtigt werden.
  • Mitarbeiter digital fit machen: Die Digitalisierung stellt die Life Sciences-Unternehmen auch als Arbeitgeber vor neue Herausforderungen. Gerade junge Arbeitnehmer und Angestellt in digitalen Unternehmen erwarten heutzutage, dass ihnen alle technologischen Möglichkeiten zur Verfügung stehen, um ihre Arbeit entsprechend des jeweiligen Anforderungsprofils bestmöglich zu erledigen. Dazu braucht es maßgeschneiderte Tools sowie den entsprechenden Support. Deshalb muss die Healthcare- und Life Sciences-Branche einerseits ein Arbeitsumfeld schaffen, das für Top-Talente aus der digitalen Wirtschaft entsprechend attraktiv ist. Nur so wird man im Wettbewerb um die besten Köpfe gegen die High Tech und IT-Branche konkurrenzfähig sein können. Auf der anderen Seite gilt es, den Angestellten die Möglichkeit zu geben, sich im Rahmen von Weiterbildungen und Schulungen das nötige Know-how für die digitale Arbeitswelt anzueignen.
  • Auf Predictive Analytics setzen: Mithilfe dieser vorrausschauenden Analysetechnologie soll Anwendern in Krankenhäusern, Krankenkassen oder Pharmaunternehmen ein möglichst störungsfreies Arbeiten ermöglicht werden. So lassen sich Daten über die Leistung von Geräten und Anwendungen erfassen und mögliche Probleme erkennen, bevor sie Prozesse stören oder unterbrechen. Damit kann beispielsweise auch für Mitarbeiter, die im Rahmen ihres Jobs Websites aus Ländern mit erhöhten Sicherheitsrisiken hinsichtlich Spyware und Viren besuchen müssen, ein spezielles Monitoring eingerichtet werden. Auf diese Weise lassen sich mögliche Cyberattacken bereits im Voraus erkennen. Diese frühzeitige Erkennung von Angriffen auf die IT ist im Hinblick auf den Umgang mit Patientendaten von besonderer Bedeutung. Denn letztlich steht und fällt der Mehrwert, den die digitale Transformation der Branche bietet, damit, wie sie mit sensiblen Gesundheitsdaten umgeht.

Die Chancen, die die digitale Transformation Life Sciences- und Healthcare-Unternehmen bietet, sind zweifelsohne enorm. Die Art und Weise, wie die Branche diese Chancen nutzt, sollte sich jedoch stets am Patientenwohl orientieren. Denn nur wenn die Möglichkeiten der Digitalisierung Prozesse wie Behandlungsmethoden konkret verbessert, die Entwicklung von wichtigen Medikamenten beschleunigt und kostengünstiger macht oder den Alltag der Patienten erleichtert, kommt der Mehrwert auch wirklich zum Tragen.

Info
Unisys beschäftigt in Deutschland rund 300 Mitarbeiter und hat seinen Hauptsitz in Hattersheim am Main. Weitere Niederlassungen befinden sich in München und Friedberg/Bayern. In seiner mehr als 100-jährigen Firmenhistorie hat sich das Unternehmen von einem spezialisierten Hardware-Hersteller zu einem weltweit ansässigen IT-Dienstleister entwickelt.