Telemedizinische Reha für flexible Bewegungstherapie

Hüft- und Kniegelenk-Patienten könnten schon bald von einer neuen telemedizinischen Bewegungstherapie profitieren. (Foto: Matthias Heyde / Fraunhofer FOKUS)

Nach dem Einsetzen eines künstlichen Hüft- oder Kniegelenks müssen Patienten an einer ausgedehnten stationären Rehabilitation teilnehmen. Doch gerade Berufstätigen fällt es schwer, diese Termine einzuhalten, so dass mögliche gesundheitliche Einschränkungen drohen. Abhilfe schaffen soll nun eine telemedizinisch gestützte Bewegungstherapie, die Fraunhofer-Forscher gemeinsam Partnern im Projekt ReMove-It entwickelt haben.

Heute sind künstliche Hüft- und Kniegelenke der häufigste Grund für Reha-Maßnahmen in Deutschland. Denn nur dadurch lässt sich die normale Beweglichkeit der Patienten schnell wiederherstellen. Doch gerade in strukturschwachen Regionen stehen oft nicht ausreichend Angebote zur Verfügung. Zudem werden Gesundheitsprogramme häufig nicht wahrgenommen, weil die Termine mit den Arbeitszeiten kollidieren oder die Anfahrtswege zu lang sind. Im Rahmen des Projektes ReMove-It haben Forscher aus Berlin deshalb gemeinsam mit Reha-Kliniken, Sportmedizinern und Rehabilitations-Wissenschaftlern eine telemedizinisch gestützte Bewegungstherapie nach Hüft- oder Kniegelenkersatz entwickelt.

Bewegungstherapie mit direkter Rückmeldung

Die Therapie basiert auf dem System MeineReha des Fraunhofer FOKUS . Kernbestandteil der Bewegungstherapie nach telemedizinischem Prinzip sind Videos, auf denen der Therapeut die verschriebenen Übungen ausführt. Der Patient ahmt diese Übungen zuhause vor dem Bildschirm nach. Die Videos werden vom jeweiligen Therapeuten selbst eingespielt und auf jeden Patienten individuell zugeschnitten. Stehende und sitzende Übungen sind ebenso möglich wie Übungen im Liegen.

Während der Übungen erhält der Patient Korrekturhinweise, sobald sie nicht nach den medizinischen Vorgaben ausgeführt werden. Nach jeder gibt es zudem eine Rückmeldung an den Patienten zur ausgeführten Qualität in Form von Rot- und Grün-Markierungen, die den einzelnen Körperbereichen Oberkörper, Arme und Beine zugeordnet sind. Die während des Übungsablaufs dokumentierten Bewegungsdaten werden direkt nach der Therapiesitzung an das medizinische Personal in der Klinik gesendet. Dadurch sollen der betreuende Arzt und Therapeut einen Überblick über Leistungsstand und -entwicklung des Patienten erhalten, um den Übungsplan optimal an dessen Therapiefortschritt anpassen zu können.

Via Text-, Audio- und Videonachrichten bleiben der behandelnde Arzt, Therapeut sowie Patient miteinander in Kontakt. Um das System nutzen zu können, benötigen die Patienten eine 3D-Kamera mit Internetzugang und eine spezielle Software sowie einen handelsüblichen TV-Bildschirm. Vor dem Start der telemedizinisch gestützten Reha eine Einweisung in das System durch den Therapeuten.

Patienten sollen von der einer orts- und zeitungebundenen Einzeltherapie profitieren können, ohne dass die Qualität der Übungen darunter leidet. Dazu misst das System die Bewegungsausführung und den Trainingserfolg in Echtzeit. Ein spezieller Algorithmus gleicht die von einer 3D-Kamera aufgenommen Bewegungsmuster der Patienten kontinuierlich mit zuvor gemeinsam mit den Therapeuten und Patienten definierten optimalen Parametern ab.

Zulassung bis 2019

„Die digitale Bewegungstherapie erfüllt höchste IT-Sicherheitsstandards. Die Übungsergebnisse finden in pseudonymisierter, verschlüsselter Form via Internet ihren Weg zu den Therapeuten“, sagt Dr. Michael John vom Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS. Diese können ihre Therapiepläne flexibler organisieren. Beispielsweise seien für sie nun auch Homeoffice-Modelle denkbar. In einer repräsentativen Studie haben die Forscher die Wirksamkeit ihres telemedizinisch gestützten Reha-Systems bereits nachgewiesen. Nach dem Wirksamkeitsnachweis wollen die Partner das System jetzt für die Zulassung fit machen. Dazu zählt auch ein Wirtschaftlichkeitskonzept, das die Kostenvorgaben von Rentenversicherungen, Krankenkassen, Ärzten und Reha-Fachleuten berücksichtigt und sich an Preismodellen für konventionelle stationäre und ambulante Versorgungsangebote orientiert. „Bis 2019 planen wir ein Medizinprodukt anzubieten, dass zwischen 29 und 49 Euro im Monat kostet“, sagt John. Zudem prüfen die Partner den Einsatz des Systems für andere Volkskrankheiten, die mit Bewegungstherapie behandelt werden können. Dazu zählen zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Parkinson.