Telemedizin als Schritt zum digitalen Gesundheitswesen

Grafik Tablet-PC zeigt Telemedizin-Anwendung
Telemedizin: „Es geht darum, ein System zu optimieren, nicht zu verdrängen.“ (Grafik: © Evgeny Potapov/123RF.com)

In einem Gastbeitrag beleuchtet der Geschäftsführer von Fernarzt.com Florian Tonner das erste Jahr Telemedizin in Deutschland. Tonner begrüßt die geplante Lockerung des Werbeverbots für Fernbehandlung und unterstreicht, dass der digitale „Kanal“ die Kompetenz des Arztes niemals mindern wird.

Gastbeitrag von Florian Tonner, Geschäftsführer von Fernarzt.com

Es ist ein gutes Jahr vergangen, seit auf dem Deutschen Ärztetag die Entscheidung zur Änderung des sogenannten Fernbehandlungsverbots fiel, das in § 7 Abs. 4 MBO-Ä geregelt ist. Bei Fernarzt haben wir die Entwicklung des Telemedizinmarktes im letzten Jahr intensiv beobachtet.

1. Noch ist der Markt klein, aber wir werden signifikantes Wachstum sehen

Seit April 2018 werden in der Regulatorik grundlegende Voraussetzungen für Telemedizin- anbieter geschaffen. Damit telemedizinische Lösungen in der breiten Masse jedoch wahrgenommen und genutzt werden, braucht es die entsprechenden Produkte. Auch wenn die Nutzerzahlen erster Pilotprojekte bisher noch überschaubar sind, erwarten wir ein starkes Wachstum im Markt.

In anderen Ländern hat die Telemedizin auch schon recht beachtliche Anteile am Gesamtvolumen der Behandlungen. Dazu müssen Patienten allerdings überzeugt werden. Diese nutzen digitale Gesundheitsangebote letzten Endes, weil sie einen Mehrwert erkennen und ihr Leben als Patient erleichtert wird. Nur wenn die Gesundheitslösungen kundenzentriert gestaltet sind, haben sie eine Chance, zu einem festen Bestandteil im Alltag der Patienten zu werden. Zudem müssen sie über entsprechende Angebote informiert werden können. Auf das Werbeverbot werde ich weiter unten eingehen.

2. Digital Health ist als Teilbereich des Gesundheitswesens anerkannt

Nach der Aufhebung des Fernbehandlungsverbots 2018 hat die WHO im April dieses Jahres eine Leitlinie zur Umsetzung einer universell zugänglichen Gesundheitsversorgung herausgebracht und im Mai 2019 hat das Bundesministerium für Gesundheit einen Referentenentwurf zum Digitale Versorgung Gesetz (DVG) veröffentlicht. Für den Gesundheitsmarkt sind diese Entwicklungen (unter Vorbehalt der Umsetzung des Gesetzes) in verhältnismäßig kurzer Zeit geschehen. Sie zeigen, dass das Thema Digital Health immer mehr Aufmerksamkeit bekommt, auch in Gremien von Ärzten und Krankenkassen und in der Politik. Insbesondere der Gesetzesentwurf ist ein progressiver Schritt hin zu einer digital gestützten Patientenversorgung, der sehr zu begrüßen ist.

2.a) Die im Gesetzesentwurf enthaltene Anpassung des § 9 im Heilmittelwerbegesetz zum Werbeverbot für Fernbehandlung ist ein wichtiges Signal. Denn solange telemedizinische Behandlungen nicht beworben werden dürfen, können die meisten Patienten gar nicht wissen, dass es die Möglichkeit überhaupt gibt. Die Anpassung wird definitiv frischen Wind in den Gesundheitsmarkt bringen.

2.b) Ein weiteres, sehr positives Zeichen enthält der Entwurf mit der Ermutigung der Krankenkassen zur Förderung digitaler Innovationen. Danach können Krankenkassen künftig bis zu zwei Prozent ihrer Finanzreserven in Kapitalbeteiligungen für die Förderung der Entwicklung digitaler Innovationen anlegen. Spannend ist auch der mögliche Ansatz, neue Gesundheitslösungen in Kooperation mit Dritten, z.B. Startup-Unternehmen, zu entwickeln.  

2.c) Zuletzt ist es ein großer Meilenstein, dass digitale Gesundheitsanwendungen künftig vom Arzt verschrieben werden könnten. Für einige Health-Startups würde dies bedeuten, dass sie generellen Zugang zur Regelversorgung von Patienten erhalten können. Die Anwendungen müssen als Medizinprodukt anerkannt werden und einem noch zu definierenden Standard für digitale Anwendungen entsprechen. Das verdeutlicht das zunehmende Bewusstsein für technisch-medizinische Lösungen als Ergänzung zu klassischen Behandlungsmethoden. Sollte das DVG in seiner aktuellen Form umgesetzt werden, wäre dies ein großer Schritt in Richtung einer Verbesserung der patientenorientierten Gesundheitsversorgung.

3. Digitalisierung wird niemals den Arzt ersetzen

Im Zusammenhang mit der Digitalisierung des Gesundheitswesens und der Medizin wird häufig das Bild des „Roboterarztes“ gezeichnet. Es steht außer Frage, dass sich der Arztberuf in den nächsten Jahren verändern wird – und mit Blick, zum Beispiel auf die demographische Entwicklung in Deutschland, auch verändern muss. Das bedeutet aber nicht, dass der Arzt durch die Digitalisierung langfristig ersetzt wird. Die Telemedizin nimmt dem Arzt am Ende Arbeit ab und lässt ihm mehr Zeit für wichtige Fälle. Und das ist die im Kern sehr „undigitale“ Komponente von Digital Health: Der direkte Arzt-Patienten-Kontakt in den Situationen, in denen es wirklich einen Unterschied macht. Ob dieser persönlich, per Telefon, asynchron über Fragebögen, über Chat oder Video stattfindet – der Kanal an sich wird die Kompetenz des Arztes per se nicht mindern. Auf den sinnvollen Einsatz der Hilfsmittel kommt es an.

Als digitales Gesundheitsunternehmen ist es unser Ziel, den neuen Digital Health-Markt vor allem im Bereich Telemedizin mitzugestalten und das System für alle Beteiligten zu verbessern. Es geht schließlich darum, ein System zu optimieren, nicht es zu verdrängen.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen in der Politik und der vielen Beteiligten ziehen wir heute ein positives Fazit. Jeder kleine Schritt in Richtung eines modernen, digitalen Gesundheitswesens kann am Ende eine Erleichterung für Patienten, aber auch Ärzte und Pflegepersonal bedeuten. Doch dafür braucht es Mut, Vertrauen und einen Blick über den Tellerrand.