Digitale Hilfe in der Pflege willkommen

Die Mehrheit der Befragten ist der Ansicht, dass durch digitale Anwendungen mehr Zeit für die eigentliche Pflege bliebe. (Foto: Halfpoint - Fotolia.com)

Die meisten Menschen in Deutschland sind aufgeschlossen gegenüber digitaler Hilfe in der Pflege. Immerhin 71 Prozent sehen die Digitalisierung vor dem Hintergrund des eklatanten Fachkräftemangels als große Chance. Das geht aus den Ergebnissen einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbandes Bitkom hervor.

Nach Ansicht von 23 Prozent der Befragten lässt sich der Pflegekollaps nur vermeiden, wenn die Pflege digitaler wird. 33 Prozent meinen, dass die Digitalisierung der Pflege zumindest dabei hilft, den Pflegenotstand in Deutschland zu lindern. 54 Prozent würden es begrüßen, wenn es zu einem verstärkten Einsatz von digitalen Anwendungen in der Pflege in Deutschland kommt. „Die Digitalisierung kann in der ambulanten sowie stationären Pflege wertvolle Dienste leisten und in einer immer älter werdenden Gesellschaft zugleich auch der Schlüssel für ein langes Leben in den eigenen vier Wänden sein“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. Er betont, dass digitale Technologien das Pflegepersonal nicht ersetzen können oder sollen. Sie seien jedoch eine sinnvolle Unterstützung dabei, die Qualität in der Pflege langfristig zu verbessern.

Pflegesystem nur „ausreichend“

Dem aktuellen Pflegesystem in Deutschland geben die Befragten lediglich die Note „ausreichend“. Nach Ansicht von 94 Prozent fehlt es vor allem an Personal und 60 Prozent halten das Pflegepersonal für nicht ausreichend qualifiziert. 54 Prozent kritisieren die mangelhafte technische Ausstattung von Alten- und Pflegeheimen. 92 Prozent sind davon überzeugt, dass die Belastung für die Pflegekräfte zu hoch ist. Sie sehen enorme Chancen, diese Belastung mithilfe der Digitalisierung zu senken.

Sieben von zehn Befragten denken, dass das Pflegepersonal dank digitaler Anwendungen körperlich entlastet werden könnte und dass auf diese Weise mehr Zeit für die eigentliche Pflege bliebe. Als größte Chance sehen 76 Prozent ein länger selbstbestimmtes Leben und Wohnen. 69 Prozent meinen, dass man dank Pflege 4.0 die Sicherheit im Alltag von Pflegebedürftigen erhöhen könnte. 57 Prozent der Befragten fürchten allerdings Probleme beim Datenschutz und bei Datensicherheit. Es folgt die Angst vor einer weniger am Menschen ausgerichteten Pflege (55 Prozent) und vor einer Isolation älterer Menschen (49 Prozent). 47 Prozent finden zudem, dass digitale Anwendungen für die Pflege noch nicht marktreif sind.

Gute Zukunftsaussichten für die digitale Hilfe

Für die Zukunft die Befragten jedoch optimistisch, wenn es um digitale Hilfe in der Pflege geht. So glauben 85 Prozent, dass es in zehn Jahren verbreitet sein wird, dass Angehörige in Notfällen automatisch via Smartphone benachrichtigt werden. 82 Prozent halten es für wahrscheinlich, dass die Ortung von Pflegebedürftigen via GPS, etwa bei Demenz, dann bereits Standard sein wird. 78 Prozent sehen telemedizinische Angebote wie die Video-Sprechstunde im flächendeckenden Einsatz. Gute Zukunftsaussichten haben nach Ansicht der Befragten auch Sensoren zur Überwachung am Körper (74 Prozent) und die elektronischen Pflegeakte (73 Prozent).

Roboter in der Pflege

41 Prozent der Befragten können sich vorstellen, sich von einem Roboter zumindest zeitweise pflegen zu lassen. Bei den 18- bis 29-Jährigen sind es sogar 51 Prozent, bei der Generation 65 Plus sind es 37 Prozent. Hätten die Befragten im Falle einer Pflegebedürftigkeit die Wahl zwischen der Überwachung dank digitaler Technologien zu Hause oder dem Gang ins Pflegeheim, würden sich knapp zwei Drittel (62 Prozent) für die digitalen Anwendungen in den eigenen vier Wänden entscheiden. Mehr als ein Drittel (35 Prozent) würden dies sogar auf jeden Fall vorziehen. „Die Menschen in Deutschland wollen digitale Anwendungen in der Pflege“, ist Rohleder überzeugt, Bei der Pflege 4.0 gehe es nicht darum, Pflegekräfte einzusparen, sondern um ein Miteinander von digitalen Helfern und menschlicher Zuwendung. „Um die Qualität der Pflege in Deutschland langfristig zu sichern und zu verbessern, brauchen wir digitale Helfer“, so Rohleder.

Politik muss handeln

Damit die Digitalisierung in der Pflege sinnvoll zum Einsatz kommen kann, müsste allerdings der politische Ordnungsrahmen angepasst werden. „Bislang fehlt es noch an einer gesetzlichen Grundlage dafür, dass Kranken- und Pflegekassen die Kosten für digitale Hilfsmittel übernehmen“, sagt Rohleder. Bei der Digitalisierung der Pflege spiele Deutschland daher im besten Fall im Mittelfeld. Andere Länder demonstrierten bereits, wie digitale Angebote die Pflege sinnvoll ergänzen oder sogar erweitern können.

Um Deutschland im Vergleich zu seinen Nachbarländern einen großen Schritt nach vorne zu bringen, schlägt der Verband unter anderem vor, digitale Angebote wie die Videosprechstunde der Versorgung vor Ort gleichzustellen. Die Vergütung erfolge dann unabhängig davon, ob die Versorgung vor Ort oder digital erbracht wird nach den gleichen Maßstäben. Hier habe jüngst Frankreich einen mutigen Schritt nach vorne gemacht. Außerdem sind als Voraussetzung für die digitale Pflege durchgängig digitale Prozesse erforderlich. Dazu gehören laut Rohleder das elektronische Rezept, die elektronische Überweisung sowie die Möglichkeit, die Pflegeakte aus der Ferne beziehungsweise digital auszulesen.

Seine Forderungen zur Gleichstellung der Versorgung vor Ort mit dem digitalen Arztbesuch hat der Bitkom-Verband in einem Positionspapier (externer Link) veröffentlicht.