Digital Health braucht Investoren

Expertenzirkel für Gesundheits-Investments in Hamburg
Expertenzirkel für Gesundheits-Investments in Hamburg: Digital Health-Unternehmen oft noch in früher Entwicklungsphase (Foto: Deutsche Apotheker- und Ärztebank)

Welche Technologien und Geschäftsmodelle im Bereich Digital Health werden sich langfristig durchsetzen? Diese Frage stand im Mittelpunkt des 3. Expertenzirkels für Gesundheits-Investments.

Die Veranstalter Deutsche Apotheker- und Ärztebank und deren Fondstochter Apo Asset Management hatten zu der jährlichen Veranstaltung Branchenexperten eingeladen, dieses Mal in den Philips Health Innovation Port in Hamburg.

„Es liegt uns sehr am Herzen, mit unseren Experten-Zirkeln immer dorthin zu kommen, wo Innovationen stattfinden – nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis“, sagte Holger Wessling, Vorstandsmitglied der Apobank. „Als Bank der Heilberufe begleiten wir die Digitalisierung des Gesundheitswesens auf vielfältige Art und Weise. Als Mentoren des Startup-Bootcamps Digital Health bringen wir junge Unternehmen mit unseren Kunden zusammen. Zudem haben wir das Kompetenzzentrum Apo Health ins Leben gerufen, das alle Themen und Ideen rund um das Thema bündelt und komprimiert vorantreibt.

Auch die Referenten und Diskussionsteilnehmer näherten sich dem Thema aus ganz unterschiedlichen Perspektiven: Manager gaben Einblick in neue Entwicklungen im Bereich der Gesundheitstechnologie und der Krankenversicherung, Wissenschaftler erläuterten neue Forschungsergebnisse in der Telemedizin und Biotechnologie, Startup-Gründer und deren Mentoren präsentierten ihre Ideen.

Integrierte Versorgung

DACH-CEO Peter Vullinghs erläuterte, wie sich der Philips-Konzern zu einem Health-Tech-Unternehmen transformiert: „Die Gesundheitswirtschaft wird sich stark verändern, von der Prävention bis zur Nachsorge. Um den kommenden Veränderungen zu begegnen, brauchen wir einen Wandel: von der aktuellen episodischen und oft reaktiven Versorgung zu kontinuierlicheren und proaktiveren Strukturen. Dabei helfen uns ein intelligentes Datenmanagement, eine interdisziplinäre Zusammenarbeit sowie innovative Versorgungsformen. Integrierte Versorgung ist die Zukunft, in allen Bereichen, auch innerhalb der Krankenhäuser.“

Alternative Zulassungsverfahren gefordert

Thomas Ballast, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse, zeigte konkrete Beispiele, etwa eine App, die Ärzte und Patienten bei der Optimierung von Schmerztherapien unterstützt, oder die Telekardiologie, ein telemedizinisches Frühwarnsystem für Herzpatienten. „Mit der elektronischen Gesundheitsakte TK-Safe schaffen wir dafür auch die digitale Infrastruktur.“ Ein Problem seien jedoch die langwierigen Zulassungsprozesse, die auf neue Medikamente zugeschnitten, aber für digitale Innovationen viel zu langsam seien. „Wir müssen Wege finden, dass digitale Produkte schneller den Zugang zum ersten und zweiten Gesundheitsmarkt finden“, forderte er.

Keine Angst vor der Digitalisierung

Bundesärztekammer-Präsident Professor Dr. Frank Ulrich Montgomery forderte mehr Mut: „Die Kommunikation im Gesundheitswesen ist zum Teil steinzeitlich. Es ist klar, dass wir den Weg der Digitalisierung gehen müssen. Wir haben als Ärzte darauf auch schon reagiert, zum Beispiel durch die Aufhebung des Fernbehandlungsverbots. Angst ist bei solchen Veränderungen der schlechteste Ratgeber.“ Die Digitalisierung werde Ärzte nicht ersetzen, sondern die Qualität ihrer Leistung verbessern. „Ihre Aufgabe wird sich komplett verändern. Das größte Potenzial sehe ich dabei in der Diagnosefindung. Hier können wir mit digitaler Unterstützung Fehler minimieren.“

Angriff aus den USA

Dr. Markus Müschenich, Vorstand des Bundesverbands Internetmedizin und Managing Partner des Start-up-Inkubators Flying Health sagte: „Die neuen Technologien werden die Medizin verbessern. Aber wir müssen auch darüber nachdenken, wie sie sich auf das Gesundheitssystem auswirken. Die großen Technologie-Unternehmen wie Google, Amazon und Apple greifen im Gesundheitsmarkt immer mehr an. Das wird zu einer Explosion der Leistungsausweitung führen. Dahinter stehen knallharte wirtschaftliche Interessen, mit Folgen für das gesamte System. Im besten Fall sollte die Ärzteschaft den digitalen Wandel selbst gestalten, sonst machen es andere.“

Nachholbedarf bei Investoren in Deutschland

Kai Brüning, Senior Portfolio Manager der Gesundheitsfonds von Apo Asset, erläuterte, wie börsennotierte Digital-Health-Pioniere wirtschaftlich erfolgreich sein können. „Langfristig durchsetzen werden sich vor allem Geschäftsmodelle mit Produkten, deren medizinischer Nutzen wissenschaftlich nachweisbar ist. Dieser Nachweis sei langwierig und aufwändig, biete aber auch Vorteile für die Unternehmen, etwa bei der Patentierbarkeit und als Schutz gegenüber dem Wettbewerb. Die wissenschaftlichen Tests erforderten sehr viele Daten und dementsprechend höhere Investitionen. „Weitblickende Investoren sind daher gefragt und können davon sehr profitieren“, sagte Brüning.

Insgesamt gebe es in Deutschland auf Investoren-Seite noch viel Nachholbedarf. Pensionskassen zum Beispiel investierten hierzulande nur 12 Prozent ihres Portfolios in Aktien und damit weniger als halb so viel wie der europäische Durchschnitt. Doch globale Gesundheitsaktien seien gerade für institutionelle Investoren prädestiniert, da sie langfristig stabiler und stärker wachsen als der gesamte Aktienmarkt und sehr breit gestreut werden können. Obwohl sich viele Digital-Health-Unternehmen noch in einer frühen Entwicklungsphase befinden, sind deren Börsenkurse in diesem Jahr teilweise schon stark gestiegen.

Global betrachtet entstehe das stärkste Umsatz-Wachstum bisher vor allem bei der Telemedizin und IT-Systemen für eine bessere Versorgung und Verwaltung, zum Beispiel mit digitalen Patientenakten. Das potenzielle Spektrum sei breit und reiche zum Beispiel von Big-Data-Analysen mit künstlicher Intelligenz über Diabetes-Management mit dem Smartphone bis hin zur Robotik im Operationssaal.