Gastbeitrag • Im Fokus

Ambulantisierung: jetzt erst recht

Dr. Daniel Kreter, Gründer und Co-CEO von Tokura. Das Berliner Unternehmen verbindet Klinikbetrieb und eigene Software und führt seit Oktober 2026 die Tokura Klinik Berlin Wilmersdorf (Foto: © Tokura)

Über das Aus der Hybrid-DRG wird gerade viel diskutiert. Das Instrument, das Millionen stationäre Operationen ins Ambulante bringen sollte, wird nach vier Jahren wieder gestrichen. Die Ambulantisierung muss trotzdem kommen. Sie ist die größte Effizienzreserve, die unser Gesundheitssystem noch hat.

Gastbeitrag von Dr. Daniel Kreter, Gründer und Co-CEO von Tokura

Millionen Behandlungen und Operationen könnten wir jedes Jahr in Deutschland ambulantisieren. Laut Krankenhaus-Report 2026 des WIdO könnten 8,6 Millionen Krankenhausfälle ambulant versorgt oder vermieden werden. Auf sie entfallen 42 Prozent der Belegungstage und 39 Prozent der Klinikausgaben. Allein in Berlin sind es rund 251.000 Fälle, die heute stationär behandelt werden und ambulant möglich wären. Ein medizinisch geeigneter Eingriff braucht ambulant kein Bett und keinen Stationsbetrieb rund um die Uhr. Das medizinische Ergebnis ist dasselbe, der Aufwand für das System deutlich geringer. Und viele Patientinnen und Patienten sind froh, wenn sie am selben Tag wieder zu Hause sind.

Kürzen bringt noch keine Effizienz

Mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz sollte das ambulante Operieren im niedergelassenen Bereich ab 2027 budgetiert werden. Die Operateurinnen und Operateure hätten dann in Summe nicht mehr operieren können als 2025. Damit hätte man an der falschen Stelle gespart. Gedeckelt worden wäre der günstige ambulante Eingriff, der teure stationäre Fall wäre geblieben. Wie hätten so Millionen Fälle aus dem Krankenhaus in die ambulante Versorgung kommen sollen? Es wäre schlicht unmöglich gewesen. Am 15. Oktober hat der Bundestag diese Budgetierung mit der Notfallreform zurückgenommen. Ambulante Operationen werden weiter außerhalb des Budgets bezahlt. Der Bundesrat berät am 20. November abschließend, zustimmen muss er nicht. Das heißt: Mehr Fälle werden ambulant abrechenbar sein, die Budgetierung entfällt.

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Die Hybrid-DRG war eine Brücke

Mit demselben Beschluss endet die Hybrid-DRG. Sie wurde 2024 eingeführt, damit planbare Operationen mit geringem Risiko häufiger ambulant stattfinden. Nach einem Übergangsjahr gibt es sie ab 2028 nicht mehr. Überraschend ist das nicht. Ihr Preisniveau sollte ohnehin bis 2030 auf EBM-Niveau sinken. Die Hybrid-DRG war von Anfang an nur eine Brücke. Entscheidend ist jetzt, was am Ende der Brücke steht: Der EBM. Neu kommen ab 2028 Kurzzeitfallpauschalen für stationäre Aufenthalte von wenigen Tagen. Je nach Ausgestaltung können sie ein gutes Mittel sein. Denn viele Eingriffe brauchen eine Übernachtung, aber keine Krankenhausstruktur.

Der wichtigste Schritt: EBM überprüfen

Ob künftig mehr ambulant operiert wird, hängt jetzt am EBM. Seine Bewertung ambulanter Operationen beruht in weiten Teilen auf einem Modell aus dem Jahr 2001. Für manche Eingriffe waren die Hybrid-DRGs vielleicht großzügig kalkuliert, für andere deckt der EBM nicht einmal mehr die Kosten. Dann wird oft gar nicht mehr operiert. Ein Beispiel ist die Paukendrainage bei Kindern. Seit die Vergütung 2023 gesenkt wurde, bieten viele HNO-Praxen sie kaum noch an. Die Kinder warten länger, ihre Sprachentwicklung kann leiden. Gespart ist damit nichts. Die Folgekosten, etwa für Logopädie, trägt das Gesundheitssystem. Der EBM gehört deshalb auf den Prüfstand. Das Ziel muss sein, dass ambulantes Operieren in allen Fachrichtungen kostendeckend möglich ist.

Ein Eingriff, eine Vergütung

Konsequent wäre, die Regeln für das ambulante Operieren grundsätzlich zu vereinfachen. Egal wo ambulant operiert wird, in der Praxis, im OP-Zentrum oder im Krankenhaus – es sollte gelten: Ein Katalog, eine Vergütung. Das Ergebnis wäre weniger Komplexität und mehr Vergleichbarkeit. Das würde auch die Sektorengrenze überwinden, an der die Ambulantisierung heute so oft scheitert. Krankenhäuser und niedergelassene Operateurinnen und Operateure würden nicht mehr nach unterschiedlichen Regeln arbeiten. Sie könnten einfacher kooperieren. Davon würden auch Krankenhäuser profitieren. Wer standardisierbare Eingriffe dorthin bringt, wo sie im Takt laufen, schafft im Krankenhaus Platz für die komplexen Fälle, für die es gebaut ist. Ambulante Zentren sind keine Konkurrenz zum Krankenhaus. Sie entlasten es.

Was im OP zählt

Seit dem 1. Oktober führen wir die Tokura Klinik Berlin Wilmersdorf, die bisherige Clinica Vita. Dort wird seit mehr als 20 Jahren operiert, mit drei OP-Sälen, sechs stationären Betten und mehr als 20 niedergelassenen Operateurinnen und Operateuren. Ein Handchirurg operiert dort an einem Tag viele kurze Eingriffe hintereinander. Damit das klappt, muss vieles zusammenkommen. Aufklärung und Laborwerte liegen vor, die Patientin ist nüchtern und vorbereitet, Sterilgut und Material sind da, der Saal ist nach jedem Eingriff schnell wieder bereit. Fehlt einer dieser Teile, steht der Saal still. Dafür braucht es Räume, Teams und Abläufe, die genau auf diesen Takt ausgerichtet sind. Das entsteht nicht nebenbei in einem Haus, das für komplexe stationäre Fälle gebaut ist. Und es braucht Operateurinnen und Operateure, Anästhesie und Pflege, die als ein Team arbeiten.
Neben der Finanzierung sind das die Bausteine für mehr Ambulantisierung. Ohne sie werden ambulante Eingriffe nicht die Effizienz und Skalierung erreichen, die wir in Deutschland dringend benötigen.

Was Digitalisierung leisten muss

Mehr Effizienz ist nicht zuletzt eine Frage der Koordination. Für einen OP-Tag müssen Informationen aus vielen Händen zusammenkommen: Aus der Praxis, aus der Anästhesie und aus dem OP-Zentrum. Heute laufen diese Daten oft über Telefon, Fax und Papier. Digitalisierung muss diese Wege verbinden, statt ein weiteres System daneben zu stellen. Technologie kann außerdem bessere Abläufe unterstützen. Sie kann Patientinnen und Patienten von der Anmeldung bis zur Nachsorge durch den Prozess begleiten. Sie hilft, besser zu planen, damit weniger Eingriffe kurzfristig ausfallen. Und sie kann den OP-Tag so steuern, dass die Wechselzeiten kurz bleiben und mehr Operationen möglich werden. So entlastet Digitalisierung medizinische Teams, damit sie mehr Zeit mit Patientinnen und Patienten verbringen als mit Planung, Dokumentation und Abrechnung. Genau daran arbeiten wir mit unserer Plattform TokuraOS. Die ersten Module sollen noch in diesem Jahr in Betrieb gehen. Wir entwickeln sie in unserer eigenen Klinik. Jede Funktion muss sich im OP-Alltag beweisen. Wir sind fest davon überzeugt, dass wir so einen Beitrag für mehr Ambulantisierung leisten können. Wenn die Prozesse effizient laufen, ist das Potenzial groß.

Jetzt erst recht

Kürzen ist einfach. Mehr Effizienz im System ist im Gegensatz dazu viel Arbeit. Mit dem Verzicht auf die Budgetierung hat die Politik die wichtigste Voraussetzung dafür geschaffen, dass die Ambulantisierung an Fahrt gewinnen kann. Als Nächstes muss der EBM so überprüft werden, dass ambulantes Operieren überall kostendeckend ist. Konsequent wäre, daraus gleich einen einheitlichen Katalog für alle zu machen. Millionen Operationen werden nicht dadurch ambulant, dass ein Gesetz es erlaubt. Sie werden ambulant, wenn die Vergütung trägt und die Abläufe vom ersten Kontakt bis zur Nachsorge funktionieren. Den ersten Teil hat die Politik in der Hand. Am zweiten arbeiten wir.

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