Wie das deutsche Gesundheitssystem die zahlreichen Herausforderungen der Zukunft bewältigen und wie Digitalisierung dabei helfen kann, eine qualitativ gute Versorgung zu sichern, beleuchtet Jens Naumann, Geschäftsführer von medatixx, in seinem Gastbeitrag.
Gastbeitrag von Jens Naumann
Das deutsche Gesundheitssystem steht vor erheblichen Herausforderungen: demografischer Wandel, steigende Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen, Kostensteigerungen oberhalb des Einnahmezuwachses, fehlendes medizinisches Personal sowie eine wachsende Ungleichheit zwischen Stadt- und Landversorgung.
Die Bundesregierung will in den kommenden Monaten Antworten auf diese Entwicklungen liefern. Sowohl die Leitplanken der Organisationsstrukturen als auch die Prozesse im Gesundheitswesen sollen so transformiert werden, dass eine flächendeckende, qualitativ gute Versorgung gesichert bleibt. Konsens dabei ist: Eine praxisnahe Digitalisierung kann Strukturen und Abläufe spürbar straffen, die Koordination des medizinischen Leistungsangebotes verbessern, Patienten zielgenauer erreichen und Einrichtungen nachhaltig entlasten.
Zahlreiche Maßnahmen zur Erhöhung des Digitalisierungsgrades im Gesundheitssystem sind bereits umgesetzt oder in Vorbereitung, orchestriert durch die vor Kurzem aktualisierte Digitalstrategie des Bundesministeriums für Gesundheit (Ausbau der Telematikinfrastruktur zur TI 2.0, Einführung und Weiterentwicklung digitaler Anwendungen wie z. B. eRezept, eAU, ePA) oder den europäischen Gesundheitsdatenraum (European Health Data Space – EHDS). In Teilen verbessern diese Vorhaben schon heute Abläufe sowie Ressourcennutzung. Damit tragen sie wesentlich dazu bei, das Gesundheitssystem zukunftssicher aufzustellen, Effizienzreserven zu heben und es resilienter gegenüber Störungen zu machen.
Primärversorgung zukunftsfest aufstellen
Auch die Einführung eines Primärversorgungssystems bietet die Chance, das Vertrauen in ein leistungsfähiges Gesundheitssystem zu stärken und es zugleich zukunftsfest aufzustellen. Entscheidend ist eine Ausgestaltung, die die Patient Journey konsequent neu ordnet und dabei den Patienten gezielt durch das System führt. Nur so lassen sich Effizienzgewinne in den Praxen realisieren und die Versorgung der Patienten spürbar verbessern. Maßstab muss sein, dass die gute ambulante Versorgung nicht nur gesichert und zielgenau weiterentwickelt wird, sondern Wartezeiten nicht weiter ansteigen und das medizinische Personal wirksam entlastet wird.
Gesundheitssystem: digital first statt digital only
Ein zentraler Baustein hierfür ist ein fallbezogener digitaler Einstieg, ohne dabei einzelne Personengruppen auszuschließen: digital first, aber nicht digital only. Für jüngere Generationen sind digitale Angebote bereits selbstverständlich, und auch ältere Generationen stehen digitalen Gesundheitsangeboten zunehmend offen gegenüber: Laut einer aktuellen Bitkom–Studie bewerten 92 Prozent über 65-Jährigen die Digitalisierung im Gesundheitswesen positiv, bei den über 80-Jährigen 95 Prozent – noch vor den 65- bis 69-Jährigen (89 Prozent). Der fallbezogene Einstieg sollte daher durch den Ausbau des ärztlichen Bereitschaftsdienstes der 116 117 über eine interoperable Plattform erfolgen, die eine strukturierte Ersteinschätzung ermöglicht und Patienten gezielt weiterleitet.
Was Digitalisierung braucht: klare Regeln, Standards und Anreize
Damit das Potenzial der Digitalisierung tatsächlich genutzt werden kann, müssen technische, rechtliche, prozessuale und wirtschaftliche Voraussetzungen geschaffen werden. Neben einer stabilen Telematikinfrastruktur wird ein klarer rechtlicher Rahmen benötigt, wie Versorgungssteuerung, Terminmanagement und digitale Ersteinschätzung in die Softwarelandschaft der Praxen integriert werden. Datenschutz und Datensicherheit benötigen hohe, aber praxis-taugliche Standards.
Wirksame wirtschaftliche Anreizsysteme, wie ein Bonussystem auf Grundlage messbarer Kriterien, können den Digitalisierungsgrad der Arztpraxen außerdem gezielt fördern und vermeiden, dass Ärzte Investitionen in digitale Tools vornehmen, ohne ihr eigenes Einkommen damit zu reduzieren. Ebenso wichtig sind einheitliche Datenaustausch-Standards zwischen den Leistungserbringern, interoperable Systeme in den Einrichtungen sowie Kompetenzen im Umgang mit digitalen Tools – bei Ärzten, ihren Teams und den Patienten. Nur dann gewinnt Digitalisierung Akzeptanz und Wirkung.
Versorgungssteuerung in öffentlicher Verantwortung verankern
Ein Primärversorgungssystem, das Patienten den Pfad durch die Versorgung aufzeigt, muss Verfügbarkeit und Versorgungsqualität als oberste Priorität haben. Versorgungsangebote müssen diskriminierungsfrei und umfassend erreichbar sein; unabhängig vom gewählten Medium und ohne Abhängigkeit der Praxen und Patienten von einzelnen privatwirtschaftlichen Plattformen und Anbietern. Die Steuerung der medizinischen Versorgung darf nicht durch die Geschäftsinteressen privatwirtschaftlicher Plattformen bestimmt werden. Kostenpflichtige Angebote können Unübersichtlichkeit schaffen, Terminangebote verzerren, einzelne Patientengruppen bevorzugen und sowohl zu Ungleichbehandlung als auch zu wirtschaftlichem Druck auf Ärzte führen, wenn freie Termine nur über Bezahlmodelle zugänglich sind. Ein sol-ches Modell würde Transparenz und Fairness der Terminvergabe untergraben und zugleich das Prinzip der freien Arztwahl aushöhlen. Das aber wäre mit dem Anspruch unseres Gesundheitssystems auf diskriminierungsfreien Zugang zur kollektiv finanzierten Versorgung nicht vereinbar.
Deshalb gehört die Basis-Plattform für die Termin- und Versorgungssteuerung in die Trägerschaft der ärztlichen Selbstverwaltung. Diese Plattform braucht einheitliche, klar definierte Standards und muss für Patienten sowie Ärzte im Zusammenspiel mit ihren praxiseigenen Tools öffentlich zugänglich sein. Für die Terminvergabe und eine erste digitale Einschätzung braucht es einen offenen, niedrigschwelligen Zugang über mehrere digitale Einstiegspunkte. Der 116 117-Terminservice der Kassenärztlichen Vereinigungen bietet hierfür bereits eine belastbare Grundlage innerhalb der Selbstverwaltung. Zusätzlich nutzt heute bereits etwa die Hälfte der Versicherten die Apps ihrer Krankenkassen. Auch hier liegt großes Potenzial, Terminorganisation und Steuerung sinnvoll zu verzahnen.
Um risikobehaftete Abhängigkeiten zu vermeiden und nationale Souveränität zu sichern, müssen Entwicklung und Betrieb in der Hand und Hoheit der ärztlichen Selbstverwaltung des deutschen Gesundheitssystems liegen. Zentrale technologische Grundlagen der Versorgungssteuerung sind von der gematik zu verantworten, zu halten und zu verwalten. Akzeptanz wird ein Primärversorgungssystem nur dann gewinnen, wenn Transparenz, Diskriminierungsfreiheit und eine hoheitliche Kontrolle durch die Selbstverwaltung gewährleistet sind. Dann ist der Zugang für alle fair – im Rahmen ihres Versicherungsverhältnisses oder Versorgungsauftrags – und der Mehrwert für Patienten wie Praxen klar erkennbar.

