Das Universitätsklinikum Dresden setzt Tiefe Hirnstimulation auch bei schwersten therapieresistenten Zwangsstörungen ein. Elektroden im Gehirn sollen krankhaft veränderte neuronale Netzwerke beeinflussen. Infrage kommt die invasive Therapie allerdings nur für sorgfältig ausgewählte Betroffene, bei denen etablierte Behandlungen ausgeschöpft sind.
Tiefe Hirnstimulation ist vor allem aus der Behandlung von Bewegungsstörungen wie Parkinson oder Tremor bekannt. Am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden kommt das Verfahren in einzelnen Fällen auch bei schweren Zwangsstörungen zum Einsatz. Die Klinik für Neurochirurgie führt insgesamt rund 30 Operationen zur Tiefen Hirnstimulation pro Jahr durch. Nur ein kleiner Teil entfällt auf Patientinnen und Patienten mit Zwangsstörungen. Voraussetzung ist, dass psychotherapeutische und medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten zuvor ausgeschöpft wurden und die Erkrankung weiterhin erhebliche Einschränkungen verursacht.
Elektroden beeinflussen neuronale Netzwerke
Bei der Tiefen Hirnstimulation werden dünne Elektroden millimetergenau in definierte Hirnregionen implantiert. Sie sind über unter der Haut verlaufende Kabel mit einem Stimulator verbunden, der kontinuierlich elektrische Impulse abgibt. Ziel ist nicht, einzelne Zwangsgedanken direkt zu unterdrücken. Vielmehr soll die Stimulation krankhaft veränderte Aktivitätsmuster in miteinander verbundenen neuronalen Netzwerken beeinflussen. Die Eingriffe werden in Dresden auf Grundlage hochauflösender Aufnahmen aus einem 3-Tesla-MRT geplant. Impulsstärke, Frequenz und weitere Stimulationsparameter werden anschließend individuell eingestellt. Dieser Anpassungsprozess kann sich über mehrere Wochen erstrecken.
Smartphone-App erlaubt begrenzte Anpassungen
Moderne Stimulationssysteme bieten inzwischen zusätzliche Funktionen. Patientinnen und Patienten können bestimmte Einstellungen innerhalb ärztlich definierter Grenzen selbst über eine Smartphone-App verändern. Einige Systeme können darüber hinaus neuronale Aktivität direkt über die implantierten Elektroden erfassen. Solche Messungen sollen künftig helfen, Stimulationsparameter noch gezielter an individuelle Aktivitätsmuster anzupassen. Damit entwickelt sich die Tiefe Hirnstimulation zunehmend von einer reinen Dauerstimulation hin zu technisch flexibleren Neuromodulationssystemen. Für Zwangsstörungen ist die Tiefe Hirnstimulation keine reguläre Erst- oder Zweitlinientherapie. Die deutsche S3-Leitlinie empfiehlt, eine bilaterale Tiefe Hirnstimulation bei schwer erkrankten und therapieresistenten Patientinnen und Patienten bevorzugt nur an spezialisierten Zentren durchzuführen. Vorausgesetzt wird unter anderem, dass leitliniengerechte psychotherapeutische und medikamentöse Behandlungsansätze einschließlich Maßnahmen bei Therapieresistenz ausgeschöpft wurden. Auch international wird DBS nur für chronische, schwere und stark beeinträchtigende Zwangsstörungen diskutiert, die auf etablierte Therapien nicht ausreichend ansprechen. Die vorhandene Evidenz ist deutlich kleiner als bei etablierten psychiatrischen Behandlungsverfahren; Studien und Metaanalysen zeigen jedoch, dass ein Teil sorgfältig ausgewählter Betroffener relevant profitieren kann.
Dresdner Patientin berichtet über deutliche Entlastung
Das Universitätsklinikum schildert aktuell den Fall einer 41-jährigen Patientin aus Ostsachsen, die seit ihrem frühen Erwachsenenalter unter stark belastenden Zwangsgedanken litt. Nach langjähriger psychotherapeutischer und medikamentöser Behandlung wurde sie im Juni 2025 operiert. Nach Angaben der Patientin sind die Zwangsgedanken seit der Behandlung nicht vollständig verschwunden, ihre Intensität habe jedoch deutlich abgenommen. Sie könne ihren Alltag inzwischen wieder wesentlich selbstständiger bewältigen. Der Einzelfall zeigt, welches Potenzial die Therapie bei ausgewählten Betroffenen haben kann, erlaubt aber keine Aussage über die allgemeine Erfolgswahrscheinlichkeit.