Kurze Smartphone-Spiele könnten künftig helfen, Phasen mit erhöhtem Alkoholkonsum frühzeitig zu erkennen. In einer einjährigen Studie mit 603 Personen gingen bestimmte Veränderungen bei Risikobereitschaft und Informationssuche einem höheren Konsum im Folgemonat voraus.
Digitale Anwendungen könnten bei Alkoholproblemen künftig nicht nur zur Dokumentation des Konsums dienen, sondern auch Hinweise auf bevorstehende Risikophasen liefern. Forschende der Technischen Universität Dresden und der Universität Würzburg haben untersucht, ob sich Veränderungen im Entscheidungsverhalten mithilfe kurzer spielerischer Smartphone-Aufgaben erfassen lassen – und ob diese Veränderungen mit dem späteren Alkoholkonsum zusammenhängen.
Vier kurze Aufgaben auf dem Smartphone
An der Studie nahmen 603 Personen teil, bei denen überwiegend eine leichte bis mittelschwere Alkoholkonsumstörung diagnostiziert worden war. Über einen Zeitraum von bis zu einem Jahr absolvierten sie alle vier Wochen vier kurze, spielerisch gestaltete Aufgaben auf dem Smartphone. Diese erfassten unter anderem Arbeitsgedächtnis, Impulskontrolle, Risikobereitschaft und Informationssuche. Parallel berichteten die Teilnehmenden alle zwei Tage über ihren tatsächlichen Alkoholkonsum. Im Durchschnitt absolvierten sie die Aufgaben 7,4-mal im Studienzeitraum. Die Studie war vorab registriert. Besonders interessant war die zeitliche Reihenfolge. Zeigten einzelne Personen in einem Monat stärkere Risikobereitschaft in bestimmten Entscheidungssituationen, war ihr Alkoholkonsum im darauffolgenden Monat höher. Ein ähnlicher Zusammenhang zeigte sich bei Veränderungen der Informationssuche. Die Forschenden prüften auch die umgekehrte Richtung: Ein höherer Alkoholkonsum im Vormonat sagte diese Veränderungen im Entscheidungsverhalten nicht voraus. Damit sprechen die Daten dafür, dass bestimmte kurzfristige Veränderungen im Entscheidungsverhalten einem steigenden Alkoholkonsum zeitlich vorausgehen können.
Nicht alle kognitiven Veränderungen waren relevant
Die Ergebnisse waren allerdings nicht allgemein auf sämtliche getesteten Funktionen übertragbar. Veränderungen von Arbeitsgedächtnis und Impulskontrolle standen nicht zuverlässig mit dem späteren Konsum in Zusammenhang. Auch bei der Risikobereitschaft zeigte sich der Effekt nur in bestimmten Spielsituationen. Das ist für die Einordnung wichtig: Die Smartphone-Aufgaben liefern keinen einfachen Gesamtscore, der unmittelbar ein höheres Trinkrisiko anzeigt. Vielmehr identifiziert die Studie einzelne Verhaltensmuster, die sich innerhalb einer Person über die Zeit verändern und mit späterem Konsum zusammenhängen können. Langfristig könnten solche Aufgaben Bestandteil digitaler Unterstützungsangebote werden. Statt allein auf Selbstauskünfte oder starre Risikofaktoren zu setzen, ließe sich wiederholt erfassen, ob sich das Entscheidungsverhalten einer Person gegenüber ihrem eigenen üblichen Muster verändert. Ein Smartphone könnte dann theoretisch helfen, Phasen erhöhten Rückfall- oder Konsumrisikos frühzeitig zu erkennen und passende Unterstützung anzubieten. Der Vorteil spielerischer Aufgaben liegt darin, dass sie mit rund fünf Minuten relativ kurz sind und auch außerhalb einer Klinik wiederholt durchgeführt werden können.
Noch kein klinisches Frühwarnsystem
Von einer einsatzfähigen Risiko-App ist der Ansatz allerdings noch entfernt. Die Studie zeigt statistische Zusammenhänge innerhalb einer bereits diagnostizierten Gruppe mit überwiegend leichter bis mittelschwerer Alkoholkonsumstörung. Sie belegt weder, dass sich daraus bereits für einzelne Personen zuverlässig ein bevorstehender Konsumanstieg vorhersagen lässt, noch dass eine darauf basierende Intervention den Konsum reduziert. Auch lässt sich aus der zeitlichen Reihenfolge allein keine direkte Ursache ableiten. Die Forschenden sehen die Ergebnisse deshalb vor allem als Grundlage für weitere Studien und für digitale Interventionen, die in Risikophasen gezielter und zeitnaher reagieren könnten.