Warum Telemedizin in Deutschland trotz sieben Digitalgesetzen noch immer als Add-on behandelt wird, welche regulatorischen Hürden den Fortschritt bremsen und was sich ändern muss, damit aus der digitalen Behelfslösung eine echte Versorgungssäule wird, beleuchtet Jörg Weise, Geschäftsführer von Medgate Deutschland, in seinem Gastbeitrag.
Gastbeitrag von Jörg Weise
Als der Deutsche Ärztetag 2018 das Fernbehandlungsverbot aufhob, war das eine gesundheitspolitische Wegmarke, deren Tragweite in der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde. Es brauchte erst eine globale Pandemie, um Telemedizin tatsächlich auf die Agenda zu setzen.
Während 2019 in Deutschland rund 3.000 Videosprechstunden durchgeführt wurden, waren es 2020 bereits 2,67 Millionen – ein Anstieg um den Faktor 890. Dieses Wachstum war kein Ergebnis strategischer Planung oder eines systematischen Aufbaus digitaler Versorgungsstrukturen, sondern ein Notfallmodus, in dem pragmatisch ermöglicht wurde, was unter normalen Umständen noch Jahre gedauert hätte. Telemedizin wurde nicht als zukunftsweisendes Versorgungsinstrument eingeführt, sondern als Behelfslösung geduldet – und diese Haltung wirkt bis heute nach.
Telemedizin: Was geblieben ist und was nicht
Nach dem Ende der pandemischen Ausnahmesituation sind die Nutzungszahlen bei Telemedizin erwartungsgemäß zurückgegangen. Sie haben sich jedoch auf deutlich höherem Niveau stabilisiert. Parallel hat der Gesetzgeber gehandelt: Sieben Digitalgesetze wurden verabschiedet, das Digitalgesetz (DigiG) trat in Kraft. Zudem wurde die ursprünglich im SGB V verankerte 30-Prozent-Grenze für Videosprechstunden inzwischen auf 50 Prozent angehoben – und zwar unabhängig davon, ob die Patientin oder der Patient der Praxis bereits bekannt ist. Diese Neuregelung gilt rückwirkend zum 1. April 2025. Auf dem Papier sieht das nach Fortschritt aus.
In der klinischen und ambulanten Realität zeigt sich allerdings, dass Telemedizin in der Regelversorgung noch immer als Add-on behandelt wird und nicht als integraler Bestandteil der Patientenversorgung. Das manifestiert sich erstens in der Vergütungslogik, die bei Videokontakten Abschläge auf die Behandlungspauschalen vorsieht. Zweitens in der mangelnden Integration in bestehende Versorgungspfade, wodurch Telemedizin häufig als isolierte Maßnahme stehen bleibt. Wer Telemedizin ausschließlich als digitale Verlängerung der Praxis begreift, wird ihr eigentliches Potenzial nicht ausschöpfen.
Wie Telemedizin das System entlasten kann
Das Potenzial ist erheblich und lässt sich auch ökonomisch fassen: McKinsey schätzt die Einsparchancen durch konsequenten Einsatz telemedizinischer Angebote auf rund zwölf Milliarden Euro. Die Hebel betreffen unterschiedliche Bereiche der Versorgung. In strukturschwachen Regionen, in denen der nächste Facharzt mitunter eine Autostunde entfernt ist, schafft Telemedizin einen Zugang, der auf konventionellem Weg personell und finanziell kaum noch abbildbar ist.
Ein besonders wirksamer Hebel liegt in der Versorgungssteuerung. Wenn Telemedizin nicht nur als ergänzender Kanal, sondern als qualifizierte erste Anlaufstelle fungiert, übernimmt sie eine Lotsenfunktion im System. Eine strukturierte Ersteinschätzung differenziert Versorgungsbedarfe. Sie leitet Patientinnen und Patienten gezielt dorthin, wo sie zeitgerecht und auf der richtigen Ebene behandelt werden. Das geschieht durch digitale Weiterbehandlung, die Vermittlung an eine Fachpraxis oder die Einweisung in eine Klinik. Das reduziert Umwege und Doppeluntersuchungen und entlastet jene Strukturen, die heute unter dem Andrang nicht oder falsch gesteuerter Patientinnen und Patienten leiden.
In Notaufnahmen ermöglicht eine qualifizierte digitale Ersteinschätzung, Patientinnen und Patienten gezielt dorthin zu leiten, wo sie die richtige Versorgung erhalten, bevor sie unnötig in überlasteten Kliniken landen. Dass das funktioniert, belegt eine prospektive Multicenter-Studie von Medgate (erschienen in „Frontiers in Pediatrics“, 2025). Im pädiatrischen Bereich konnten 54,3 Prozent aller Anliegen vollständig telemedizinisch geklärt werden – ohne Präsenzkontakt. 76,9 Prozent der Familien hätten ohne den telemedizinischen Dienst eine Notaufnahme aufgesucht. Die Triage-Qualität wurde in 91,7 Prozent der Fälle als angemessen bewertet. Besonders vielversprechend sind zudem die Effizienzgewinne bei chronisch Erkrankten: Telemonitoring erlaubt eine kontinuierliche Begleitung, die unnötige Kontrolltermine reduziert und Verschlechterungen frühzeitig erkennt, bevor sie zu kostspieligen Krankenhausaufenthalten führen.
Was besser werden muss
Telemedizin ist kein Hobby. Wer sie ernsthaft betreibt, benötigt spezialisierte, geschulte Ärztinnen und Ärzte, standardisierte Prozesse, evidenzbasierte Leitlinien und messbare Ergebnisse. Das lässt sich am verlässlichsten in spezialisierten Telekonsultationsdiensten mit klaren Qualitäts-, Weiterbildungs- und Dokumentationsstandards organisieren.
Doch die Regulatorik bremst ausgerechnet dort, wo Spezialisierung und Standardisierung entstehen könnten: Reine Telemedizin-Anbieter mit angestellten Ärztinnen und Ärzte können im GKV-System nicht direkt an der Versorgung teilnehmen. Die Zulassungslogik schließt damit jene Akteure aus, die Telemedizin nicht als Nebenprodukt betreiben, sondern als Kernkompetenz. Im PKV-Umfeld dagegen werden Modelle erprobt, die zeigen, dass Zugangsgeschwindigkeit, Behandlungsqualität und Wirtschaftlichkeit gemeinsam optimierbar sind. Was dort nachweislich funktioniert, sollte nicht als Sondermodell gelten, sondern als Blaupause für die GKV.
Auch die Vergütung setzt falsche Anreize. Abschläge für Videokonsultationen ignorieren eingesparte Infrastrukturkosten, entfallene Wegezeiten und volkswirtschaftliche Effekte. Wer nur die einzelne Konsultation bepreist, ohne den Systemeffekt gegenzurechnen, setzt Anreize gegen Effizienz.
Der Erfolg der Telemedizin entscheidet sich letztlich am Vertrauen: Patient:innen, Ärzt:innen und Kostenträger müssen gleichermaßen erleben, dass Qualität und Wirtschaftlichkeit messbar zusammengehen.
Wohin die Reise geht
Das Versorgungsmodell der Zukunft wird hybrid sein. Telemedizin übernimmt die Rolle einer qualifizierten ersten Anlaufstelle – KI-gestützte Triage und klinische Entscheidungsunterstützung als nächste Entwicklungsstufe.
Darüber hinaus verändert Telemedizin die Angebotsseite des Systems. Flexible, ortsunabhängige Arbeitsmodelle ermöglichen es Ärztinnen und Ärzten, die aus familiären Gründen keine Vollzeittätigkeit ausüben können, wieder medizinisch tätig zu sein. Sie holen ärztliche Kompetenz zurück ins System, die dem Versorgungsalltag sonst verloren ginge. In Zeiten des Fachkräftemangels ist das ein Hebel, der über den reinen Patientennutzen hinausreicht.
Deutschland hat alle Voraussetzungen, Telemedizin zur echten Versorgungssäule zu machen. Aber nur, wenn wir aufhören, sie als digitales Pflaster zu behandeln.

