„12.000 Arzt-Stellen in Deutschland nicht besetzt“

Fritz Grupe
Fritz Grupe ist bei der Hamburger Personalberatung InterSearch Executive Consultants Partner im Bereich Healthcare (Foto: InterSearch)

Mednic.de sprach mit Fritz Grupe, Partner im Bereich Healthcare bei der Hamburger Personalberatung InterSearch Executive Consultants. InterSearch zählt mit vier Büros in den wichtigsten deutschen Wirtschaftsregionen sowie Partnerschaften in über 50 Ländern zu den Top 12 der größten Personalberatungen weltweit.

Fritz Grupe studierte Wirtschaftswissenschaften und Psychologie an der Universität Essen. Schwerpunkte seiner Beratungstätigkeit bei der InterSearch Executive Consultants GmbH & Co. KG sind die qualifizierte Suche, Auswahl und Beurteilung von Führungskräften sowie Chefarztbesetzungen für Krankenhäuser und Krankenkassen, Unternehmen der Medizintechnik und in der pharmazeutischen Industrie. Grupe engagierte sich darüber hinaus auch als Hochschulbeirat der Hochschule Flensburg und als Lehrbeauftragter an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg.

Mednic.de: Herr Grupe, welche Erwartungen stellen Kliniken heute an junge Mediziner?

Grupe: Zwischen den Erwartungen der Kliniken und der jungen Mediziner bestehen heute relativ große Unterschiede. Junge Ärzte haben heute eine andere Einstellung zu ihrem Beruf. Sie legen mehr Wert auf Freizeit, wollen geregelte Arbeitszeiten und machen ungern hunderte Überstunden. In der Auseinandersetzung mit der älteren Generation hat sich diese unterschiedliche Sichtweise zu einem handfesten „Clash of Cultures“ entwickelt. Die heute 20-30jährigen sind geprägt durch ein starkes Selbstbewusstsein. Sie haben einen hohen Anspruch an ihren Arbeitsplatz und lehnen sowohl starke Hierarchien als auch das „Absitzen von Arbeitszeit“ ab. Die heutige Generation wechselt im Zweifelsfall eher die Klinik, als sich einem starren System anzupassen. Diese jungen Ärzte sind pragmatisch, kooperativ und bilden aktiv Netzwerke. Von der Haltung ihrer Eltern „leben um zu arbeiten“ distanzieren sie sich ganz bewusst und fordern nachdrücklich ein Privatleben, das diesen Namen auch verdient. Wir sprechen in diesem Zusammenhang auch von der neuen Y-Generation. Der Erfolg eines Klinikums wird in den nächsten Jahren davon abhängen, qualifiziertes ärztliches Personal zu binden, zumal aktuell rund 12.000 Stellen in Deutschland nicht besetzt sind. Ein modernes innovatives Klinikmanagement hat sich mit dem Gesamtthema Work-Life Balance auseinander zu setzen und wird bezüglich der Akquisition junger Ärzte und deren Bindung an das Klinikum gute Erfolge verzeichnen können. Dazu zählt natürlich auch das Bemühen, Frauen zukünftig im Arztberuf besser zu integrieren.

»Der Erfolg eines Klinikums wird in den nächsten Jahren davon abhängen, qualifiziertes ärztliches Personal zu binden«

Mednic.de: Inzwischen gibt es mehr Medizinstudentinnen als männliche Studenten. Haben Frauen bei der Jobsuche nach Abschluss ihres Studiums die besseren Chancen?

Grupe: Die Hörsäle in den medizinischen Studiengängen zählen heute eine Frauenquote von fast 70 Prozent. Dieser hohe Anteil von gut ausgebildeten, hoch qualifizierten Frauen wird zu veränderten Organisationsstrukturen führen. Diese Frauen werden nach Beendigung ihres Medizinstudiums ihre Facharztausbildung absolvieren und immer häufiger auch eine Chefarztposition bzw. eine leitende Arztposition anstreben. Außerdem entwickeln sich durch die zunehmende fachärztliche Spezialisierung in den klinischen Bereichen neue Organisationsformen, wie zum Beispiel die Sektionsleitung für Wirbelsäulenchirurgie, Handchirurgie oder auch Gefäßchirurgie. Große klinische Fachbereiche werden dementsprechend zunehmend in Sektionen und Departments organisiert. Eine weitere Möglichkeit ergibt sich durch den Ausbau der sektorenübergreifenden Kooperationsformen mit einer institutionalisierten Verbindung ambulanter und stationärer Medizin. Hier arbeiten die Ärzte in der Niederlassung und betreuen ihre Patienten auch im stationären Kontext. Durch diese neuen organisatorischen Möglichkeiten bieten sich gerade für Frauen zukünftig sehr gute flexible Arbeitsbedingungen an.

Hinzu kommt, dass sich die klassische Aufgabenverteilung innerhalb der Familie in den vergangenen Jahren bereits verändert hat. Die Gesamtsituation wird noch stärker dazu führen, dass beide Partner neben ihren familiären Aufgaben auch Ihre berufliche Erfüllung finden möchten. In den USA ist es mittlerweile üblich, dass die großen Kliniken integrierte Kindertagesstätten haben, die „24 hours a day and 7 days a week“ geöffnet sind. Hinzu kommen Ferienbetreuung und die Vermittlung von Tagesmüttern mit täglicher Hotline-Funktion. Hier herrscht in Deutschland noch ein enormer Nachholbedarf. Doppelspitzen, fachärztliche organisatorische Veränderungen mit Leitungsverantwortung, adäquate Teilzeitbeschäftigungen, aber auch temporär begrenzte Springermöglichkeiten werden in den nächsten Jahren eine immer größere Rolle in der klinischen Organisation spielen. Aufgrund der demographischen Entwicklung und der damit einhergehenden steigenden Nachfrage nach qualifizierten ärztlichen Leistungen werden die Krankenhäuser dem ärztlichen Personal zusätzliche Motivationsanreize bieten müssen, um eine qualitätsorientierte, aber natürlich auch ökonomisch ausgerichtete Organisation, aufrecht erhalten zu können.

Personalberater Fritz Grupe
Personalberater Fritz Grupe im mednic-Interview (Foto: InterSearch)

Mednic.de: Welche Aufstiegs- und Weiterentwicklungsmöglichkeiten bietet heute das Durchschnittskrankenhaus?

Grupe: Wir müssen leider davon ausgehen, dass nach erfolgreich abgeschlossenem Medizinstudium mindestens ein Drittel der Absolventen (Frauen und Männer) nicht ärztlich tätig werden wird. Einerseits besteht die Möglichkeit, bei besserer Bezahlung und günstigeren Arbeitsbedingungen im Ausland zu arbeiten, andererseits bietet die Pharmaindustrie, oder auch der Consulting Bereich, interessante Perspektiven. Ein geringer Prozentsatz wechselt in den Journalismus, oder auch in die öffentliche Verwaltung in die Bereiche Gesundheit und Medizin. Die Kliniken versuchen bereits deshalb schon während des Medizinstudiums einen engen Kontakt zu ausgewählten Medizinstudenten aufzubauen und eine Bindung in Form von Weiterbildungsmöglichkeiten und fachlichen Entwicklungspfaden bis hin zu ärztlichen Leitungsfunktionen zu entwickeln. Über diesen Weg werden zunehmend häufiger bereits Vereinbarungen für eine entsprechende klinische Facharztausbildung geschlossen. Hierbei spielt die wohnortnahe klinische Tätigkeit eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Während früher die harte Zeit der fünfjährigen Facharztausbildung im Krankenhaus zumeist klaglos hingenommen wurde, stehen heute viele junge Mediziner dem von hoher Arbeitsbelastung und immer noch recht strenger Hierarchie geprägten System durchaus kritisch gegenüber. Nicht zuletzt bedingt durch eine geringere Anzahl von Berufsanfängern, haben sich die Ansprüche junger Ärzte an die Organisations- und Führungsstruktur der Kliniken gravierend gewandelt. Hier sind Krankenhausmanagement und ärztliches Führungspersonal gefordert, moderne und transparente Dienstmodelle und Vergütungsstrukturen zu entwickeln. Hierzu gehören planbare Arbeitszeiten sowie eine adäquate Entlohnung der Leistungsträger auch in Form von außertariflichen Verträgen und angemessenen Erfolgsprämien. Voraussetzung dafür, dass junge Ärzte in der klinischen Arbeit eine Perspektive sehen, sind klare Entwicklungswege für die unterschiedlichen ärztlichen Möglichkeiten, wie zum Beispiel klinische Tätigkeit, Forschung, Lehre, fachärztliche Leitungsverantwortung oder Medizinisches Management. Außerdem ist ein Führungsstil gefragt, der kontinuierlich Feedback gewährleistet; wenn Sie so wollen eine Art coachender Führungsstil, der allerdings mit entsprechenden zeitlichen Aufwand verbunden sein wird.

»Chefärzte scheitern an der unternehmerischen Verantwortung«

Mednic.de: Sie haben ein Sachbuch über den „Traumjob Chefarzt“ geschrieben. Ist das wirklich ein Traumjob? Oder wird hier neben der sicherlich guten Bezahlung übersehen, dass damit auch eine Menge Verantwortung – und oftmals wenig Freizeit – verbunden ist?

Grupe: ‚Ich bin zu gerne Arzt, um Chefarzt zu werden!’ Diese Aussage eines hoch qualifizierten und engagierten Arztes hatte mich dazu veranlasst, die heutige medizinische Ausbildung, den typischen medizinischen Alltag in einem Klinikum und insbesondere die fachlichen und persönlichen Anforderungen in diesem Buch aufzuzeigen, mit denen Ärzte gegenwärtig, aber auch zukünftig, konfrontiert werden. Ein Chefarzt ist heute zu 50 Prozent Arzt und zu 50 Prozent Unternehmer.

Eines fällt bei den Anforderungen auf, egal, um welche Fachrichtung es sich handelt: bei den fachlichen Qualifikationen werden sehr konkrete Voraussetzungen und Erfahrungen erwartet. Die Zeit der Generalisten neigt sich dem Ende zu. Im persönlichen Bereich wird das authentische Auftreten, sowohl im Innen- als auch im Außenverhältnis, eine überzeugende Kommunikationskompetenz, eine positiv-konstruktive Einstellung zum eigenem Verantwortungsbereich sowie eine gesunde Portion Begeisterungsfähigkeit gegenüber allen Mitarbeitern immer wichtiger, insbesondere bei der Beschreibung neuer Wege, die ja immer auch mit Veränderungen und Unsicherheiten verbunden sind. Die Fähigkeit, die Weiterentwicklung der zu verantwortenden Abteilung über das Alltagsgeschäft hinaus unter medizinischen und ökonomischen Aspekten mittel- und langfristig strategisch auszurichten, akquisitorisch auszulasten und organisatorisch wie personell zu führen, ist ebenso wichtig, wie gewinnend auf Kooperationspartner, niedergelassene Ärzte, Krankenkassen und alle anderen Belegungspartner zuzugehen. Neben den Herausforderungen einer qualitativ hochwertigen Medizin in Verbindung mit einer hohen Patientenzufriedenheit ist die ökonomische Verantwortung für den Chefarzt dementsprechend eine gleichermaßen wichtige Voraussetzung für den zukünftigen Erfolg. Früher war die Chefarztposition eine Lebensstellung, heute scheitern zunehmend mehr Chefärzte an der ökonomischen/unternehmerischen Verantwortung.

Und wenn Sie mich jetzt fragen, ‚Ist der Chefarzt wirklich noch ein Traumberuf’, dann werde ich Ihnen antworten, dass trotz immer wiederkehrender neuer Herausforderungen, sowohl in medizinischer als auch in ökonomischer Hinsicht, es für mich nach wie vor ein Traumberuf ist, vielleicht für mich persönlich mit der Fachrichtung Psychiatrie. Entscheidend ist doch, dass sie sich wirklich mit Herz und Verstand für diese Aufgabe berufen fühlen. Solange sie diesen Beruf jeden Tag aufs Neue mit Freude, Leidenschaft, psychischer Kraft und menschlicher Wertschätzung ausüben, werden sie in ihm auch ihre berufliche und persönliche Erfüllung finden können.

Lesen Sie im zweiten Teil des mednic-Interviews mit Fritz Grupe, warum das Thema Digitalhealth für Mediziner immer wichtiger wird.

Fritz Grupe ist Verfasser und Mitautor mehrerer wissenschaftlicher Studien zu den Themenbereichen Markenbildung in der Gesundheitswirtschaft und E-Health. 2012 erschien sein Buch „Traumberuf Chefarzt“ (148 Seiten, 19,95 Euro, Stark Verlag, Hallbergmoos, ISBN 978-3-86668-611-3)