Was bewirken Pharma-Zuwendungen?

Grafik über Zahlungen der Pharmaindustrie
Aufwendungen der Pharmabranche an Ärzte, andere Fachkreisangehörige, medizinische Organisationen und Einrichtungen im Jahr 2015 in Deutschland. (Grafik: HealthcareShapers/ Innov8 GmbH)

Vor dem Hintergrund kürzlich veröffentlichter Zahlungen an Ärzte und medizinische Organisationen in Höhe von 575 Millionen Euro im Jahr 2015 wird Ende Oktober im Rahmen eines Pharma-Colloquiums über das Geschäftsmodell und das Selbstverständnis der Pharmabranche diskutiert.

Es handelt sich um freiwillig offengelegte Zahlen, die dennoch aufhorchen lassen: Danach haben im Jahr 2015 die 54 Mitgliedsunternehmen des Verbandes der forschenden Arzneimittelindustrie insgesamt 575 Millionen Euro an Ärzte und andere Angehörige der medizinischen Fachkreise überwiesen. Der Verband der forschenden Arzneimittelindustrie (vfa) und der Verein „Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie e.V.“ (FSA) setzen mit ihrer Veröffentlichung den Transparenzkodex um, zu dem sie sich frei verpflichtet haben.

119 Millionen für Vorträge und Fortbildungen

In der Gesamtsumme enthalten sind rund 366 Millionen Euro an Ärzte, andere Fachkreisangehörige, medizinische Organisationen und Einrichtungen für die Durchführung von klinischen Studien und Anwendungsbeobachtungen im Rahmen von Forschung und Entwicklung. 119 Millionen Euro flossen an Ärzte und andere Fachkreisangehörige für Vortragshonorare und Fortbildungen. 90 Millionen Euro gingen an medizinische Organisationen und Einrichtungen für das Sponsoring von Veranstaltungen, Spenden und Stiftungen.

Auch der Pharmaindustrie nahestehende Organisationen erkennen an, dass Zahlungen in dieser Größenordnung die Frage aufkommen lassen, bis zu welcher Höhe man hier von sachgerechten Honoraren oder Spenden sprechen kann – und welchen Einfluss diese Gelder konkret ausüben. Fast zeitgleich mit der Veröffentlichung der Zahlen im Rahmen der Transparenzoffensive wurde im renommierten US-Medizinjournal JAMA eine Studie zum Einfluss von Honoraren der Pharmaindustrie auf das Verordnungsverhalten von Ärzten veröffentlicht. Daraus geht hervor, dass durch Zuwendungen eines Pharmaunternehmens die Verordnungshäufigkeit bestimmter Medikamente ansteigt. Selbst eine einmalige Essenseinladung erreichte bereits eine höhere Verschreibung eines pharmazeutischen Produktes. Dass damit die Kosten für das Gesundheitswesen steigen, erklärt sich von selbst.

US-Studie verdeutlicht Einflussnahme

Der JAMA-Herausgeber Robert Steinbrook bezeichnet es dabei zwar als legitim, dass sich die Investitionen von Pharma-Unternehmen lohnen müssen. Er forderte aber auch, dass die Pharmaindustrie mehr in gute Studien zur Arzneimittelsicherheit, deren Wirksamkeit und Erschwinglichkeit investieren sollte, anstatt Vortragshonorare, Spesen, Reisekosten und andere Aktivitäten ohne medizinischen Hintergrund zu finanzieren.

Nachdenkprozess

Die erstmals auch in Deutschland transparent veröffentlichen Zahlungen der Pharmaunternehmen machen deutlich, dass in der Branche ein Nachdenken darüber eingesetzt hat, inwieweit bezahlte Verordnungen nicht etwa gewinnbringend sind, sondern die Reputation von Pharmaindustrie und Ärzten zerstören.

Wenn sich am 27. und 28. Oktober 2016 Entscheider aus Pharma-Unternehmen zum ersten Pharma-Colloquium treffen, soll in dieser gemeinsamen „DenkWerkstatt“ überlegt werden, wie künftig die Fähigkeiten, das Wissen und die vorhandenen Ressourcen von Arzneimittelherstellern für eine bessere Patientenversorgung eingesetzt werden können.

Info

1. Pharma-Colloquium
Veranstalter: HealthcareShapers/Illert GmbH in Kooperation mit dem Bundesverband der pharmazeutischen Industrie (BPI e.V.)
Wann: 27./28. Oktober 2016
Wo: Steigenberger Airport Hotel, Frankfurt/M.