Gastbeitrag Medizin & Technik

GesundheitsID befeuert weitere Digitalisierung

Frédéric Naujokat, Gründer und Geschäftsführer der eHealth Experts GmbH (ehex). Foto: eHealth Experts GmbH
Frédéric Naujokat, Gründer und Geschäftsführer der eHealth Experts GmbH (ehex). Foto: eHealth Experts GmbH

Die GesundheitsID ist ein zentrales Element der digitalen Transformation. Im Gastbeitrag erläutert Frédéric Naujokat, Gründer und Geschäftsführer der eHealth Experts GmbH (ehex), die Bedeutung digitaler Identitäten für das Gesundheitswesen.

Ein Gastbeitrag von Frédéric Naujokat

Der Umbau der Telematikinfrastruktur nimmt 2026 Fahrt auf, denn in den kommenden Monaten sind entscheidende Schritte auf dem Weg zur TI 2.0 geplant. Digitale Identitäten sind ein zentraler Baustein für den Übergang von dezentralen Hardware-Komponenten zu softwarebasierten, zentralen Architekturen. Physische Karten werden dadurch langfristig überflüssig. Das Ziel: Stabilere Systeme durch weniger fehleranfällige Komponenten vor Ort und eine spürbar bessere User Experience für alle Beteiligten.

Ein zentrales Element dieser Transformation ist die GesundheitsID für Versicherte. Sie ist seit 2024 verfügbar und ermöglicht seitdem, dass sich Versicherte digital im Gesundheitswesen authentifizieren können, etwa um per Smartphone oder Tablet Einblick in die eigene ePA zu erhalten. Laut dem TI-Dashboard der gematik sind aktuell 4,4 Millionen GesundheitsIDs für Versicherte registriert – angesichts der rund 74 Millionen gesetzlich Versicherten eine ausbaufähige Zahl. Allerdings könnte diese Zahl in den nächsten Monaten deutlich steigen, wenn die Freischaltung mit VideoIdent vereinfacht wird.

Noch wichtiger für die Akzeptanz der GesundheitsID ist ihre Rolle als vollwertiger Versicherungsnachweis. Genau hier ist für das Jahr 2026 ein Fortschritt geplant, denn Praxen und Krankenhäuser müssen die GesundheitsID in Kürze gleichberechtigt zur Versichertenkarte akzeptieren. Das heißt, beim Arztbesuch kann die Versichertenkarte bald zuhause bleiben – der erste Schritt zur vollständigen Abschaffung physischer Versichertenkarten. Während auf Versichertenseite damit ein wichtiger Meilenstein erreicht wird, zeigt sich auf der Leistungserbringerseite ein anderes Bild. Hier stecken digitale Identitäten noch in den Kinderschuhen.

HSM-B: Digitale Institutionsidentitäten sind da

Der elektronische Heilberufsausweis (eHBA) bleibt vorerst Standard. Doch bei institutionellen Identitäten gibt es 2026 große Fortschritte, die schon im Frühjahr spürbar werden. Konkret geht es dabei um die Technologie HSM-B – eine virtuelle Alternative zum Institutionsausweis SMC-B.

Statt kryptographische Schlüssel und Zertifikate auf Chipkarten zu speichern, werden sie in hochsicheren Hardware-Modulen zentral verwaltet, in direktem Zusammenhang mit dem TI-Gateway. Das heißt, nach einmaliger Konfiguration findet die Authentisierung des TI-Zugriffs direkt im Rechenzentrum statt. Gesundheitseinrichtungen wie Praxen oder Krankenhäuser weisen sich dann nicht mehr per Chipkarte aus, die in ein Kartenlesegerät gesteckt und mit einem PIN freigeschaltet werden muss – eine echte Entlastung im Arbeitsalltag. Technisch ist HSM-B bereits einsatzbereit. Erfahrungen aus ersten Tests bestätigen die Funktionsfähigkeit der Technologie sowie die Entlastung für Leistungserbringer. Der offizielle Rollout soll daher – nach erfolgreicher Zulassung durch die gematik – im Frühjahr 2026 starten.

PoPP: Digitale Identitäten werden wichtiger für alltägliche Abläufe

Gleich mehrere TI-Meilensteine im Jahr 2026 gehen auf das Konto von PoPP. „Proof of Patient Presence“ ist ein neues Verfahren zum Nachweis des Versorgungskontexts. Ein zentraler Dienst bestätigt dabei, dass sich ein Versicherter zu einem bestimmten Zeitpunkt beispielweise in der Apotheke oder in der Arztpraxis anwesend ist. Dieser Nachweis kann dann den Zugriff auf alle relevanten TI-Anwendungen autorisieren, etwa auf die ePA oder das E-Rezept. Dabei haben Versicherte die Wahl zwischen der Versichertenkarte oder der GesundheitsID. PoPP wird damit auch zur Nachfolgetechnologie für CardLink, das als Brückenlösung ausschließlich mit der Versichertenkarte funktioniert und auf das E-Rezept beschränkt ist. Schon ab April 2026 soll PoPP CardLink ersetzen.

Ein praktischer Vorteil der neuen Technologie ist auch, dass für das Auslesen der Versichertenkarte keine teuren Spezialkartenlesegeräte mehr benötigt werden. Da das Endgerät nicht mehr für die Sicherheit verantwortlich ist, genügt ein handelsübliches Standardgerät. Aus diesem Grund kann alternativ zur Versichertenkarte auch ein Smartphone mit GesundheitsID über PoPP eingesetzt werden.  Der Rollout erfolgt in zwei Stufen: In der ersten Jahreshälfte 2026 geht PoPP für Vor-Ort-Szenarien live. In der zweiten Stufe wird PoPP dann zum Jahresende auch für telemedizinische Szenarien verfügbar. Versicherte können sich dann per GesundheitsID authentifizieren, ohne vor Ort zu sein – beispielsweise um im Rahmen einer Videosprechstunde den ePA-Zugriff freizugeben.

Digitale Identitäten als Treiber der TI 2.0

Mit der GesundheitsID für Versicherte ist bereits eine starke Basis gelegt – 2026 wird das Jahr, in dem digitale Identitäten ihre volle Wirkung entfalten. Mit HSM-B profitieren erstmals auch Leistungserbringer von eigenen digitalen Identitäten. PoPP sorgt für den nächsten Schub und erschließt neue Anwendungsfälle, die bisher technisch nicht umsetzbar waren.

Der Umbau zur TI 2.0 ist damit kein abstraktes Zukunftsprojekt mehr, sondern nimmt 2026 konkrete Formen an. Das Ergebnis ist eine TI, die nicht nur stabiler läuft, sondern auch spürbar einfacher zu nutzen ist. Digitale Identitäten sind dafür der Schlüssel.


Zur Person
Frédéric Naujokat ist Medizininformatiker mit Wurzeln im Ruhrgebiet sowie Gründer und Geschäftsführer der eHealth Experts GmbH (ehex). Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er an der Zukunft der Telematikinfrastruktur. Gemeinsam mit seinem 100-köpfigen Team treibt er die Weiterentwicklung der TI voran – beispielsweise als Entwickler von Lösungen wie dem TI-Gateway.