Gastbeitrag Im Fokus

KI-Buddy: Prävention im richtigen Moment

Mädchen liegt auf dem Sofa, lächelt und schaut auf ein Smartphone. (Schmuckbild)
Ein KI-Projekt zur Gesundheitsprävention will Kinder und Jugendliche dort erreichen, wo sie sich häufig aufhalten - am Smartphone. (Schmuckbild) Foto: AndreyPopov/Smarterpix.com

Ein KI-Projekt der IU Internationalen Hochschule und Healthyfy stellt die Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen in den Fokus. In ihrem Gastbeitrag erläutern Prof. Dr. Laura-Maria Altendorfer und Christoph Herbert, was ein KI-gestützter Chatbot damit zu tun hat.

Gastbeitrag von Prof. Dr. Laura-Maria Altendorfer und Christoph Herbert

Gesundheitswissen ist heute nur noch eine Wischbewegung entfernt. Trotzdem bleibt es im Alltag vieler Kinder und Jugendlicher erstaunlich oft unbeachtet. Zwischen Schule, Freundeskreis, Social Media und ständigem Vergleichsdruck fehlt weniger die Information als der Moment, in dem sie andockt: dann, wenn Motivation bröckelt, Unsicherheit aufkommt oder eine Entscheidung ansteht. 

Genau diese Lücke nimmt das Forschungsprojekt „AI-Buddy Luna“ der IU Internationalen Hochschule in den Blick. Gemeinsam mit dem Münchner Healthtech-Startup Healthyfy wird untersucht, wie ein KI-gestützter Chatbot gestaltet sein muss, damit 9- bis 14-Jährige ihn nicht als digitales Lehrbuch wegklicken, sondern als glaubwürdigen Begleiter akzeptieren – als jemand, der sie nicht bevormundet, sondern sie genau dann erreicht, wenn sie ihn wirklich brauchen. Die Ausgangslage: Viele Heranwachsende erreichen die Bewegungsempfehlungen nicht, bei Mädchen sind es etwa 22 Prozent, bei Jungen 29 Prozent. Und dabei geht es längst nicht nur um Sport. Auch Ernährung, Körperbild und psychisches Wohlbefinden stehen unter Druck. Prävention muss deshalb niedrigschwellig sein, alltagstauglich und vor allem verfügbar, bevor aus einem schlechten Tag ein schlechter Dauerzustand wird.

KI-Buddy Luna als Gesprächspartner

Die Kernidee von IU und Healthyfy wirkt auf den ersten Blick unspektakulär, ist aber gerade deshalb anspruchsvoll: Ein Bot soll nicht einfach Inhalte ausspielen, sondern so kommunizieren, dass Kinder sich ernst genommen fühlen. Im Zentrum dieses Gedankens steht das Conversation Design, also die Frage, wie ein Gespräch gebaut sein muss, damit es ankommt. Welche Tonalität motiviert, ohne von oben herab zu wirken? Wie lang darf eine Antwort sein, damit sie gelesen wird? Und welche Themen sind tatsächlich anschlussfähig, von Bewegung und Ernährung bis zu Situationen, in denen Stress, Selbstzweifel oder Überforderung lauter werden? Luna soll dabei nicht nur Impulse geben, sondern den Dialog nutzen, um die aktuelle Situation besser zu verstehen und anschließend passende Inhalte innerhalb der App vorzuschlagen – zum Beispiel kurze Videos, kleine Übungen oder alltagstaugliche Challenges. Diese Inhalte sind evidenzbasiert und werden von einem interdisziplinären Expertenteam geprüft. So entsteht ein System, das mehr leistet als bloße Information: Es schafft Nähe, bleibt verständlich, wahrt klare Grenzen und vermeidet den erhobenen Zeigefinger.

Ein System, das Menschen einschließt

Gleichzeitig ist Luna kein Tool, das für sich alleinsteht. Der Chatbot ist eingebettet in ein System, das digitale Unterstützung mit persönlicher Begleitung verbindet.

Wenn ein Thema zu komplex oder belastend wird, verweist Luna auf reale Ansprechpersonen – zum Beispiel pädagogisch oder psychologisch geschulte Coaches, die im Hintergrund erreichbar sind. Und auch Eltern werden einbezogen: Luna kann begleitende Hinweise oder Informationen für Erwachsene mitgeben, damit sie ihre Kinder gezielt unterstützen können, besonders in herausfordernden Momenten. So entsteht ein Zusammenspiel aus digitaler Hilfe und menschlicher Begleitung, das Kinder nicht überfordert, sondern stärkt.

Personalisierung, aber bitte transparent

Im Präventionskontext entscheidet Vertrauen über Nutzung, und Vertrauen entsteht selten durch „mehr Features“. Ein Chatbot für Minderjährige braucht klare Regeln: Was darf das System leisten, wo liegen die Grenzen, und wann muss es an Erwachsene oder professionelle Hilfe verweisen? Luna darf sich anpassen, muss aber erklären können, wie und warum. Kinder sollen verstehen: Der Chatbot erinnert sich vielleicht an meine Vorlieben oder Interessen, aber nicht, um mich zu beobachten, sondern um mir besser helfen zu können. Entsprechend sind Datensparsamkeit und Transparenz wichtig. Personalisierung kann helfen, wenn sie nachvollziehbar bleibt und Wahlmöglichkeiten eröffnet, statt ein Gefühl von Beobachtung zu erzeugen. Es gilt der Grundsatz: so wenig Daten wie möglich, so viel Relevanz wie nötig.

Wirkung zeigen, ohne Druck zu erhöhen

Für die Praxis stellt sich am Ende eine zentrale Frage: Woran erkennt man, ob Prävention wirkt? Diese Frage wird durch anknüpfende und kontinuierliche Evaluationen beantwortet. Bleiben Kinder im Dialog oder springen sie nach zwei Sätzen ab? Welche Formulierungen öffnen, welche lösen Abwehr aus? Und verändern sich Routinen über Wochen, nicht nur über einen Nachmittag? „AI-Buddy Luna“ zeigt so, worauf es bei KI in der Gesundheitsprävention ankommt: nicht primär auf Modellgröße, sondern auf Gestaltung, Verantwortung und Anschlussfähigkeit. Gelingt das, entsteht ein Muster, das weit über diese Altersgruppe hinaus relevant ist: Eine digitale Assistenz, die nicht nur informiert, sondern auch wirklich unterstützt.

Prof. Dr. Laura-Maria Altendorfer ist Kommunikationswissenschaftlerin (M.A.) und Psychologin (M.Sc.). Sie begleitet seit vielen Jahren Menschen und Unternehmen bei Anliegen und Herausforderungen an der Schnittstelle von digitaler Kommunikation und Psychologie. Foto: IU Internationale Hochschule

Christoph Herbert ist Gründer und Head of Product bei Healthyfy. Seit vielen Jahren entwickelt er digitale Lösungen im Gesundheits- und MedTech-Bereich – von präventiven Anwendungen bis hin zu Software-Medizinprodukten. Foto: Healthyfy