„Technische Systeme sind nie zu hundert Prozent sicher“

Mednic-Gesprächspartner Günther Ohland
Günther Ohland ist Experte für die Themen Smart Home und Ambient Assisted Living (AAL). (Foto: Günther Ohland)

mednic.de sprach mit dem Berater Günther Ohland über das Thema „smarte“ Technologien. Ohland ist Autor mehrerer Bücher zu den Themen Smart Home und Smart Living. Er ist darüber hinaus Initiator des Musterhauses SmartHome Paderborn und Erster Vorsitzender der SmartHome Initiative Deutschland e.V.

mednic: Herr Ohland, beziehen sich Smart Home-Technologien heute eigentlich noch immer rein auf das private Zuhause? Oder ist Smart Home-Technik nicht längst auch im geschäftlichen Bereich oder etwa im medizinischen Umfeld angekommen?

Ohland: Bei SmartHome geht um Menschen in Eigenheimen, Mietwohnungen, aber auch in Alten- und Pflegeheimen oder in Gewerbeimmobilien. Vereinfacht: Es geht um Technik, die ganz unspektakulär den Menschen in Gebäuden das Leben einfacher, komfortabler und sicherer macht und dabei die Umwelt schonen hilft.

mednic: Smart Home in der Arztpraxis – wie könnte das aussehen?

Ohland: Ein Beispiel: Arztpraxen sind überproportional Ziele von Einbrechern. SmartHome ist ein guter Weg, abzuschrecken und dabei zu helfen, Täter zu ermitteln. So erkennen smarte Fenstergriffe nicht nur Einbruchversuche, sie sorgen auch dafür, dass bei offenen oder gekippten Fenstern nicht buchstäblich zum Fenster hinaus geheizt wird.

mednic: Krankenkassen wollen Wearables und Apps zur Überwachung etwa von körperlicher Bewegung und Vitalfunktionen zunehmend für ihre Tarifgestaltung nutzen. Droht damit nicht endgültig der „gläserne Patient“?

Ohland: Fitness-Armbänder werden vom eigenen Geld gekauft und die sportlichen Ergebnisse nicht selten im Internet gepostet. Für die Medizin sind eher die Daten von denen interessant, die sich zu wenig bewegen und diese Leute machen bei den Programmen der Krankenkassen selten oder nur kurzzeitig mit. Ja, die Kasse könnte aus den Daten ihre Schlüsse ziehen, aber niemand wird gezwungen, bei solchen Programmen mitzumachen.

Wichtig finde ich die Nutzung von smarten Blutzucker-, Blutdruck- und Heim-EKG-Geräten sowie von smarten Körperwaagen. Es ist bekannt, dass manuell geführte Blutdrucktagebücher sehr häufig fehlerhaft sind und der Arzt somit die Einstellung eines Patienten mit falschen Werten vornehmen muss. Smarte Geräte sind dagegen unbestechlich. Studien beweisen den Erfolg. Selbstverständlich dürfen medizinische Daten nur verschlüsselt übertragen werden. Gerade in Flächenländern wie Mecklenburg-Vorpommern sind heute bereits vom Patienten große Entfernungen zu überwinden, um zum Arzt zu kommen. Smarte Patieten-geeignete Geräte könnten viele Wege in die Praxis ersparen, ohne das die Qualität der Medizinischen Versorgung sinkt.

mednic: Schadet die Diskussion um Patienten-Überwachung mittels Apps nicht letztlich dem Zuspruch, den Smart Home-Technologien und Lösungen bis heute weitgehend genießen?

Ohland: Ja, das ist leider so. Es werden viele unrealistische Szenarien verbreitet. Etwa, wenn das SmartHome per Bewegungsmelder erkennt, dass jemand nachts mehrfach zur Toilette geht und deshalb am Morgen eine passende Werbemail in seinem E-Mail-Postfach findet. Wir sollten die Chancen zur Verbesserung der Pflege und medizinischen Versorgung wahrnehmen und den möglichen Missbrauch der Daten technisch verhindern. Das geht.

“Wir sollten die Chancen zur Verbesserung der Pflege und medizinischen Versorgung wahrnehmen und den möglichen Missbrauch der Daten technisch verhindern. Das geht.”

Günther Ohland, Erster Vorsitzender der SmartHome Initiative Deutschland e.V.

mednic: Lässt sich im Zeitalter der Cyberkriminalität eigentlich erreichen, dass Smart Home-Lösungen sicher sind und ihre Nutzer nicht ausspionieren?

Ohland: Ja und Nein. Technische Systeme, und um die handelt es sich hier ja, werden nie zu hundert Prozent sicher sein. Je nach Aufwand ist jedes System zu knacken. Die Frage aber ist, welcher Aufwand lohnt? Lohnt die Investition für einen Kriminellen gemessen am möglichen Gewinn? Allerdings gibt es Billigprodukte, bei denen die Sicherheit zu kurz kommt.

mednic: Stichwort Assistenz-Technologien/AAL: Wo kann ich mich als Arzt, IT-Profi oder anderer Entscheider im Gesundheitsbereich über den Stand der Dinge herstellerneutral informieren?

Ohland: Die Angebote für Hersteller neutrale Information von Medizinern ist noch recht dünn. Hier sollten die Standesorganisationen auf den Bundesverband SmartHome Initiative Deutschland zukommen, um ein gemeinsames, neutrales, abgestimmtes Informationsangebot entwickelt wird. Für IT- und TK-Leute empfehle ich Workshop-Veranstaltungen wie „SmartHome 2016“ in Hannover. Näheres findet man unter www.smarthome-deutschland.de. Und – so viel Eigenwerbung gestatten Sie mir – gibt es mein Buch ‚Smart Living: Vom Luxusspielzeug zum gesellschaftlichen Pflichtprogramm’.

mednic: Wie wird sich ihrer Einschätzung nach die Nachfrage im Bereich AAL in den kommenden Jahren entwickeln?

Ohland: Technisch ist AAL als pflegerische Ausrichtung des SmartHome heute realisierbar. Interessant ist, dass bei SmartHome die Leute ins eigene Portemonnaie greifen, bei AAL aber auf die Pflegekasse warten. Der demografische Wandel sorgt für immer mehr zu pflegende Leute bei gleichzeitig immer weniger Menschen im pflegefähigen Alter. Dies wird das Gesundheitssystem zum Einsatz von AAL- sprich SmartHome Technologie – zwingen.

mednic: Herr Ohland, wir danken Ihnen für das Gespräch!