SmED erkennt medizinische Notfälle

Die Software SmED soll künftig bei der Einschätzung helfen, welche Patienten mit aktuten Beschwerden eine Notaufnahme aufsuchen müssen. (Foto: Wellnhofer Designs - Fotolia.com)

Mit einem Anruf beim ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Nummer 116117 erfahren Patienten mit akuten Beschwerden, an wen sie sich wenden sollen. Eine neue Software namens SmED (Strukturiertes medizinisches Ersteinschätzungsverfahren für Deutschland) soll bald dafür sorgen, dass diese Auskünfte noch zielgenauer sind. Anhand der Software werden dem Patienten Fragen gestellt und seine Beschwerden eingeschätzt. SmED soll Disponenten unterstützen und kann zum Beispiel auch in Bereitschaftspraxen eingesetzt werden.

„SmED ist ein wichtiger Baustein im Programm der Kassenärztlichen Vereinigungen, um den Patienten mit der Nummer 116117 rund um die Uhr eine Anlaufstelle bei akuten Beschwerden zu bieten. Das standardisierte Verfahren ermöglicht eine sichere Empfehlung, wer tatsächlich die Notaufnahme eines Krankenhauses aufsuchen muss“, sagt Dr. Stephan Hofmeister, stellv. Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Die übrigen ratsuchenden Patienten sollen dank der Software möglichst direkt dorthin vermittelt werden, wo ihnen am besten geholfen werden kann. Das könne auch eine abschließende telefonische ärztliche Beratung sein. „Mit der Investition in eine verbesserte telefonische Erreichbarkeit leisten die Kassenärztlichen Vereinigungen und die niedergelassenen Ärzte einen wichtigen zusätzlichen Beitrag zur Sicherstellung. Die Krankenhäuser und die Bereitschaftspraxen sollen so von den sogenannten unechten Notfällen entlastet werden“, ist Dr. Hofmeister überzeugt.

Dringlichkeit richtig einschätzen

SmED basiert auf einem bereits etablierten evidenzbasierten System. Damit lässt sich die Dringlichkeit von Patientenbeschwerden einschätzen, um sie dann zur weiteren Abklärung ihrer Beschwerden direkt an die richtige Stelle zu vermitteln. „Die Patienten erhalten eine gezielte Empfehlung, etwa: sofort ins Krankenhaus, Termin beim niedergelassenen Arzt reicht aus oder Hausmittel verschaffen Linderung. Neben der Einordnung der Beschwerden bietet SmED auch eine Dokumentation für die anschließende Behandlung“, erklärt Dr. Dominik von Stillfried, Geschäftsführer des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi).

Vorbild Schweiz

In der Schweiz gibt es ein solches System bereits seit Jahren. „Die medizinischen Inhalte des Systems referenziert unter anderem auf das Projekt und die Publikation „Red-Flags“ des Institutes für Hausarztmedizin der Universität Bern, bei welchem mehr als 250 wissenschaftliche Arbeiten berücksichtigt und mehrere Schweizer Autoren beteiligt waren. Die medizinischen Inhalte werden bei neuen Erkenntnissen fortwährend aktualisiert. In Hinblick auf die Anwendung in Deutschland werden die Empfehlungen noch einmal überprüft und laufend angepasst“, berichtet Dr. Andreas Meer, Geschäftsführer der Schweizer in4medicine AG.

Für den Einsatz in Deutschland haben das Zi, das aQua-Institut und die in4medicine AG bereits eine erste SmED-Version erstellt. Für die laufende Weiterentwicklung, die Qualitätssicherung und die Evaluation sowie für die Bereitstellung der Software in Deutschland wurde ein mehrjähriger Kooperationsvertrag zwischen Zi, aQua und in4medicine geschlossen. Um die Software anzupassen und weiterzuentwickeln, hat das zi einem medizinischen Beirat ins Leben gerufen, in dem neben niedergelassenen Haus- und Fachärzte auch der den Marburger Bund und die Deutsche Gesellschaft für Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) und im Krankenhaus tätige Ärzte vertreten sind.

Medizinische Notfälle zuverlässig ermitteln

„Wir halten es für sehr wichtig, dieses Projekt als einen wichtigen Baustein im Rahmen eines umfassenden Ersteinschätzungsverfahrens von Anfang an auch aus unserer Sicht zu begleiten“, sagt Rudolf Henke, 1. Vorsitzender des Marburger Bundes und ergänzt: „Wir wollen die Entlastung der Notaufnahmen in den Krankenhäusern unterstützen, damit sich die dort tätigen Ärztinnen und Ärzte rasch um die Patienten kümmern können, die eine  Behandlung durch das Krankenhaus auch tatsächlich benötigen. Unser Ziel ist es, dass im Bereich der Ersteinschätzung überall die gleiche Sprache gesprochen wird.“ Jeder, der dringend eine Krankenhausbehandlung benötige, müsse zuverlässig erkannt werden. „Wir wollen, dass die gleiche Ersteinschätzung langfristig sektorenunabhängig sowohl unter der 116117 als auch unter der 112 und wohl ergänzt um eine Dringlichkeitseinstufung auch in der Notaufnahme eingesetzt werden kann. Die geplante neue Software kann dieses Gesamtziel unterstützen.“, so Henke weiter.

„Die Vorarbeiten anhand einer großen Zahl empirischer Beratungsanlässe aus dem System haben gezeigt, dass sich niedergelassene Ärzte und Notfallmediziner schnell einig sind, wie und mit welchen Mitteln Patienten mit bestimmten Beschwerdebildern in Deutschland behandelt werden sollten. Die Vorarbeiten aus der Schweiz liefern dafür eine sehr gute Grundlage. Insgesamt bin ich zuversichtlich, dass mit Hilfe von SmED potentiell ambulante Patienten, die die 116117 wählen, künftig an die richtige Stelle im medizinischen Versorgungssystem geführt werden“, sagt Prof. Harald Dormann, beratendes Mitglied des Vorstands der DGINA und Chefarzt in der Zentrale Notaufnahme am Klinikum Fürth. Der Erfolg der Implementierung an Bereitschaftspraxen müsse allerdings erst noch evaluiert werden. Gute Notaufnahmen verfügten zum Teil bereits seit Jahren über fest etablierte und wissenschaftlich evaluierte Triagemethoden wie MTS (Manchester Triage Scale) oder ESI (Emergency Severity Index), die den Fokus auf die Dringlichkeitseinschätzung von zeitkritischen und schwerstkranken Patienten richteten.

Ab 2019 im Alltagseinsatz

SmED wird ab dem ersten Quartal 2019 im Alltagseinsatz auf dem Gebiet von elf Kassenärztlichen Vereinigungen evaluiert und soll kontinuierlich verbessert werden. Über das Zi wird die Software darüber hinaus allen Kassenärztlichen Vereinigungen zur Verfügung stehen, die sie in ihren Telefonvermittlungszentralen und in den Bereitschaftspraxen einsetzen können. Auch Krankenhäuser können die Software lizensieren.