Smartphone-gestützte Migränetherapie

Migräne führt bei den Betroffenen häufig zu einer starken Einschränkung der Lebensqualität. (Foto: Elnur - Fotolia.com)

Ein Projekt zur Smartphone-gestützten Migränetherapie (SMARTGEM) hat jetzt die Charité – Universitätsmedizin Berlin gemeinsam mit Partnern gestartet. Ziel ist es, Patienten mit häufigen Migräneattacken eine effektive und ortsunabhängige Behandlungsform anzubieten. Dazu kommt eine App zum Einsatz, die eine Kombination aus Dokumentation, Therapiemodul und Schulung zur Selbsthilfe bieten soll. Darüber sollen telemedizinische Beratung sowie ärztlich moderierte Foren und Expertenchats angeboten werden.

Weltweit leiden rund 15 bis 25 Prozent aller Frauen und rund sechs bis acht Prozent aller Männer unter Migräne. Die Schmerzerkrankung führt bei den Betroffenen häufig zu einer starken Einschränkung der Lebensqualität und der Arbeitsfähigkeit. Um die Häufigkeit der Attacken zu senken, kommen derzeit sowohl medikamentöse und nicht-medikamentöse Verfahren zum Einsatz. Längst nicht alle Patienten haben jedoch ausreichenden Zugang zu medizinischen Kopfschmerzexperten und spezialisierten Schmerztherapeuten. Das gilt insbesondere für Betroffene aus dem ländlichen Bereich.

Ortsunabhängige Migränetherapie

„Mit SMARTGEM wollen wir die Wirksamkeit einer ortsunabhängigen, effektiven und auch zeitsparenden Therapieform bei Migräne untersuchen. Für die Patienten erhoffen wir uns eine deutliche Reduktion der Attacken und des Schmerzmittelverbrauchs“, sagt Projektleiter Dr. Lars Neeb von der Klinik für Neurologie am Campus Charité Mitte. Ziel sei es, die Lebensqualität der Patienten zu verbessern und die Chronifizierung der Erkrankung zu verhindern.

Mithilfe der Smartphone-App M-sense können die Patienten ihre Kopfschmerzen dokumentieren. Dadurch lässt sich die Therapie überwachen. Gleichzeitig können mögliche Auslöser für die Migräneattacken identifiziert werden. Die App enthält zudem ein Therapiemodul. Es soll dazu dienen, die Betroffenen bei der Durchführung von Entspannungsverfahren und Ausdauersport zu unterstützen. Gleichzeitig sollen die Patienten individuellen verhaltenstherapeutischen Ansätzen geschult werden. Die behandelnden niedergelassenen Ärzte können sich telemedizinisch mit den Neurologen der universitären Kopfschmerzzentren vernetzen und sich zur Behandlung ihrer Patienten beraten. Für die Patienten werden ärztlich moderierte Foren und Expertenchats angeboten, um die Kommunikation mit dem Arzt zu verkürzen.

Bei dem Versorgungsvorhaben übernimmt die Charité die Konsortialführung. Kooperationspartner sind neben der Klinik für Neurologie der Universitätsmedizin Rostock, die Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Halle (Saale), das Institut für Public Health der Charité , der App-Entwickler Newsenselab sowie die Krankenkassen AOK Nordost, BKK VBU, IKK gesund plus und der BIG direkt. Das Projekt wird im Rahmen des Innovationsfonds für drei Jahre rund drei Millionen Euro gefördert.

Effektivität wird untersucht

In einer kontrollierten Studie mit 1.200 Patienten aus Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt soll nun im Rahmen des Projekts die Effektivität der neuen Versorgungsform untersucht werden. Die Betroffenen müssen an mehr als fünf Tagen im Monat an Migräne leiden und sich erstmalig in der Kopfschmerzambulanz der Charité, der Universitätsmedizin Rostock oder des Universitätsklinikums Halle (Saale) vorstellen. 600 der Probanden erhalten die neue App inklusive aller Funktionen, die Vergleichsgruppe nutzt die App zur reinen Kopfschmerzdokumentation ohne Zugang zu den erweiterten Funktionen. „Im Erfolgsfall hat SMARTGEM Modellcharakter für die bundesweite Versorgung von Migräne-Patienten“, ist Dr. Neeb überzeugt. Das gelte insbesondere in strukturschwachen Regionen.