Smarte Medizin: Verband fordert bessere Bedingungen

Dr. Cord Schlötelburg, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Biomedizinische Technik im VDE. Foto: VDE

Schonendere Operationen durch intelligente Eingriffe, bessere Patientenbetreuung durch smartes medizinisches Monitoring, höhere Lebensqualität durch innovative Implantate: Die Biomedizintechnik entwickelt sich im rasanten Tempo weiter. Doch das hohe Potential wird nur unzureichend erschlossen.

Um den technologischen Fortschritt schneller für die Patienten nutzbar zu machen, muss sich etwas ändern. Es bedarf innovations- und kooperationsfreundlicher Rahmenbedingungen und aufeinander abgestimmte Ausbildungsgänge und Anreizsysteme, sind Experten überzeugt. „Forschung und Entwicklung, die mit einem hohen Risiko einhergehen, benötigen adäquate Förderung. Neue Medizintechnologien brauchen zudem realistische Zugangswege zu Markt, Erstattung und damit zum Patienten“, fordert Dr. Cord Schlötelburg, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Biomedizinische Technik im VDE. Leider gerate oftmals das übergeordnete Ziel – die Verbesserung der medizinischen Versorgung durch sichere und medizinisch sinnvolle Medizintechnik – aus dem Fokus.

Die Deutsche Gesellschaft für Biomedizinische Technik im VDE hat jetzt ein Kompendium zum Thema „Biomedizinische Technik“ herausgegeben, das in Kooperation mit dem Themennetzwerk Gesundheitstechnologien der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) entstanden ist. Darin geben 58 Experten einen Einblick in aktuelle Forschungsfragen und Herausforderungen der Biomedizintechnik. Die größten Innovationspotentiale sehen die Experten bei modernen OP-Verfahren, in der konsequenten Digitalisierung der Patientenversorgung und bei High-Tech-Implantaten.

Konsequente Verknüpfung

Moderne OP-Verfahren durch integrierte Intervention sollen operative Eingriffe schonender für die Patienten machen. Hierbei werden Patienteninformationen, Diagnostik und Assistenztechnologien bei Operationen konsequent miteinander verknüpft. So können Eingriffe mittels dreidimensionaler Patientenmodelle präzise geplant und begleitet werden. Intraoperative, bildgebende Diagnoseverfahren navigieren den Chirurg durch den Eingriff, insbesondere bei anspruchsvollen anatomischen Verhältnissen. Die Verwendung (teil)autonomer Assistenzsysteme oder minimal-invasiver OP-Techniken erlaubt schonende und damit nebenwirkungsarme Eingriffe. Allerdings gibt es noch erheblichen Forschungs- und Entwicklungsbedarf, beispielsweise bei der exakten intraoperativen Differenzierung von pathologischem Gewebe. Auch die flexible und sichere Vernetzung verschiedener Medizingeräte in OP und Intensivmedizin steht noch am Anfang.

Die konsequente Digitalisierung verändert auch die Bereiche Diagnose und Therapie. So wird die gesamte medizinische Patientenversorgung derzeit digitalisiert. Ein zentraler Ansatzpunkt ist das medizinische Monitoring von Patienten, dessen Leistungsfähigkeit durch verbesserte Biosignalverarbeitung, Softwarealgorithmen und Computerhardware stetig zunimmt. Neue Patientenmodelle werden Diagnosen und Therapieentscheidungen schneller und sicherer machen. Sowohl klinische als auch ambulante Versorgungsabläufe werden sich ändern, indem Patienten beispielsweise in standortübergreifend vernetzte Monitoring- und Datenumgebungen eingebettet sind. Die dadurch entstehenden riesigen Datenbestände (Big Data) stellen die Verantwortlichen jedoch auch vor große Herausforderungen. Hier müssen die Datensicherheit und der medizinischem Nutzen sorgfältig abgewogen werden, so die Experten.

Durch die Zunahme chronischer und degenerativer Erkrankungen werden High-Tech-Implantate immer wichtiger. Das ultimative Ziel der Bioimplantatforschung ist der regenerative Ersatz von Organen oder Geweben. Die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten bei den „elektrischen“ Implantaten zielen neben neuen Einsatzmöglichkeiten vor allem auf Langzeitstabilität und Implantatvernetzung ab. Allerdings gehören Implantate zu den anspruchsvollsten Medizinprodukten überhaupt. Die Entwicklung und Überführung in die Patientenversorgung dauert sehr lange. Um das therapeutische Potenzial vollständig zu erschließen, besteht nach Einschätzung der Experten noch ein erheblicher Forschungsbedarf.

Der Expertenbericht „Biomedizinische Technik“ kann unter www.vde.com/infocenter kostenlos heruntergeladen werden.