Sicheren Signatur-Prozess etablieren

mednic-Gastautor Benoît Henry
mednic-Gastautor Benoît Henry, CEO und Mitbegründer des Unternehmens Certifaction (Foto: Certifaction)

Im Gesundheitswesen findet der Umgang mit Dokumenten vermehrt digital statt. Einrichtungen setzen deshalb zunehmend auch auf E-Signaturen. Was dabei zu beachten ist, erläutert mednic-Gastautor Benoît Henry, CEO und Mitbegründer des Unternehmens Certifaction.

Der in Zürich ansässige Spezialist für E-Signaturen Certifaction ist Integrationspartner bei einem Schweizer Anbieter für Applikationen und Services rund um den Medikationsprozess. CEO Benoît Henry erklärt aus erster Hand, worauf es beim Thema E-Signatur ankommt.

Gastbeitrag von Benoît Henry

Wie Deutschland und die Schweiz mit Digitalisierung Kosten senken könnten – und warum sie es aktuell noch nicht tun

In Deutschlands Gesundheitsbranche herrscht Aufbruchstimmung: Prozesse sollen digital beschleunigt und vereinfacht werden. Doch ganz so einfach ist das leider nicht, wie das E-Rezept zeigt: Im Oktober 2020 wurde die verpflichtende Einführung gesetzlich beschlossen, 2023 soll es in ganz Deutschland für gesetzlich Versicherte so weit sein. Etwas weiter ist der Nachbar im Süden: In der Schweiz ist das E-Rezept bereits im Einsatz – allerdings noch nicht flächendeckend, da die Technologieanbieter schneller waren als die Apotheken und Ärzte. 

Dennoch zählen beide Länder eher zu den Schlusslichtern bei der Digitalisierung der Gesundheitsbranche. Das Beispiel E-Rezept zeigt: Um den Rückstand im europäischen Vergleich aufholen zu können, gehen beide Länder unterschiedliche Wege.

Eine der größten Herausforderungen ist sowohl hier wie dort die Implementierung von sicheren und zuverlässigen E-Signaturen. Dieser scheinbar kleine Baustein ist einer der Dreh- und Angelpunkte in der Digitalisierungsstrategie für die Medizinbranche, könnte er doch Abläufe im medizinischen Betrieb deutlich vereinfachen und beschleunigen und so mehr Zeit für die Behandlung von Patientinnen und Patienten lassen.

Ein Arzt leistet rund 4.000 Unterschriften pro Jahr

Doch weshalb sind ausgerechnet E-Signaturen einer der Knackpunkte? Nach einer Studie der Johannes-Kepler-Universität in Linz unterschreibt ein Arzt im Schnitt 16 Dokumente am Tag – das sind rund 4.000 im Jahr. In einem größeren Krankenhaus summiert sich das auf über 10 Millionen Dokumente pro Jahr, die alle unterschrieben werden müssen.

Dokumente drucken, signieren und dann wieder digitalisieren; das bedeutet einen immensen Zeitaufwand für alle, die in der Gesundheitsbranche arbeiten – und zusätzliche Kosten für Druck, Papier und entsprechende Geräte zur Digitalisierung. Die meisten Dokumente lassen sich jedoch elektronisch signieren. Dazu gehören neben Rezepten und Verordnungen auch Arbeits- und Lieferantenverträgen, medizinische Berichte und Gutachten, Überweisungen, Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen und vieles mehr.

75 Prozent Kostenersparnis mit E-Signaturen

Am Ende spart eine zuverlässige E-Signatur bis zu 75 Prozent der Kosten im Vergleich zum oben genannten Vorgehen. Zudem darf man die Risikoperspektive nicht vergessen: Papierdokumente können einfacher verschwinden, ob nun absichtlich oder unabsichtlich. Gerade bei sensitiven Informationen, beispielsweise einer Patientenakte im Krankenhaus, sollte der Umgang besonders sorgsam sein, nicht zuletzt aufgrund der hohen rechtlichen Risiken.

Auch im Digitalen lauern natürlich mögliche Fallstricke. Denn die Gesundheitsbranche stellt zu Recht höchste Ansprüche an den Datenschutz – vor allem bei Patientendaten. Die vertraulichen Informationen der Patientinnen und Patienten bedürfen besonderen Schutzes. Wenn hier nur ein Teil der digitalen Lösung den Datenschutz aushebelt oder ein Einfallstor für Kriminelle bietet, ist die komplette digitale Lösung gefährdet. 

Sichere E-Signatur ist eminent

Gerade bei E-Signaturen wird dieser Punkt oft vernachlässigt: Anbieter speichern unterzeichnete Dokumente auch in ihrer eigenen Infrastruktur. Zwar werden diese verschlüsselt und zusätzlich geschützt, dennoch wird ein Dokument an einen anderen Ort übertragen. Dies ist ein möglicher Angriffspunkt – weshalb im besten Fall indem keine Übertragung des Dokuments stattfindet. Vor der Entscheidung für einen E-Signing-Anbieter, sollte jeder die Sicherheitsversprechen kritisch bewertet.

Dieser Herausforderung stehen aktuell nicht nur Deutschland und die Schweiz noch gegenüber. Weltweit wird die ideale Lösung noch gesucht, die sich in die bereits bestehenden Systeme integrieren lässt.

Deutschland betreibt Digitalisierung von oben herab

In Deutschland steht das System bereits fest, bevor die Anwendungen final spezifiziert sind. Die Gematik ist die Plattform, auf der die Digitalisierung der deutschen Gesundheitsbranche vorangetrieben werden soll. Mit Verordnungen und Gesetzen drängt die Regierung die Unternehmen, Ärzte und Krankenhäuser zu mehr Tempo: Krankenhauszukunftgesetz, Patientendaten-Schutz-Gesetz, das unter anderem das E-Rezept verpflichtend eingeführt hat, die aktuell laufenden gesetzlichen Pilotverfahren zur eAU und vieles mehr sollen die Digitalisierung von oben steuern und beschleunigen.

Die technischen Lösungen sind allerdings oft noch nicht so weit. Für die Umsetzung ist die Integration in die Telematik-Infrastruktur aktuell der Gate-Keeper. Der Blick in die Praxis beziehungsweise in die Praxen zeigt: Die Lösungen vereinfachen häufig den Alltag nicht, sondern verkomplizieren ihn.

Dass es nicht ganz so läuft, wie erhofft, zeigt sich auch an geschobenen Fristen, bis wann nun was umgesetzt werden soll. Die digitale Patientenakte scheitert nicht zuletzt auch an einer guten und zuverlässigen E-Signatur, die innerhalb der Telematikinfrastruktur funktioniert und vor allem unkompliziert ist. Bei der eAU müssen Unternehmen diese aktiv bei den behandelnden Ärzten anfragen, was Mehrarbeit für beide bedeutet. Denn der Prozess ist ausschließlich auf die Kommunikation zwischen ÄrztInnen und Krankenkassen optimiert.

Schweiz setzt auf Innovationskraft des Marktes

Die Schweiz geht einen anderen Weg. Gesetze und Verordnungen bilden auch hier einen Rahmen, dieser ist aber deutlich breiter gesetzt als in Deutschland. Wie auch das Beispiel E-Rezept vom Anfang zeigt, baut der Gesetzgeber die Anbieter von technologischen Lösungen. Es wird nicht das eine System geben, solange die Systeme gut miteinander kommunizieren. Die Eidgenossen stecken also viel Vertrauen in die Innovationskraft der Marktakteure.

Der Nachteil im Vergleich zum deutschen Weg: Da es keine feste Deadline gibt, kann der Umbau und vor allem die Umsetzung in den Apotheken und bei den Ärzten länger dauern. Außerdem müssen mehrere Systeme aufeinander abgestimmt sein. Der Vorteil hingegen liegt auf der Hand. Durch die Offenheit und das Vertrauen auf die Anbieter sowie die Medizinbranche kommen technische Lösungen zum Einsatz, die alle Seiten als die bestmöglichen einschätzen. Am Ende sollen sich dann die passendsten Lösungen durchsetzen. Somit steht am Ende eine kleine Anzahl an Systemen, die gut miteinander kommunizieren können – so zumindest der Plan.

Ob nun der Schweizer oder der deutsche Weg der richtige sein wird, um die Gesundheitsbranche schnell, erfolgreich und vor allem sicher zu digitalisieren, wird sich noch zeigen. Der Einsatz und die Nutzung wichtiger Schlüsseltechnologien wie der E-Signatur werden prägend sein, ob und wie die Digitalisierung gelingt. Hier wie dort zeigt sich aktuell großer Willen, nicht mehr als Schlusslicht zu gelten. Vom Willen zur Umsetzung ist es allerdings teilweise noch ein weiter Weg, der nun schnellstmöglich gegangen werden muss.

„Der Blick in die Praxis beziehungsweise in die Praxen zeigt: Die Lösungen vereinfachen häufig den Alltag nicht, sondern verkomplizieren ihn“

Benoît Henry, CEO Certifaction