Krankenhausverband widerspricht Bertelsmann-Studie

Christoph Radbruch, Vorsitzender des Deutschen Evangelischen Krankenhausverbandes
Christoph Radbruch, Vorsitzender des Deutschen Evangelischen Krankenhausverbandes: „Die Größe vor Regionalität und Trägervielfalt zu stellen ist eindeutig der falsche Weg“ (Foto: © DEKV / Hans-Christian Plambeck)

Eine im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung erstellte IGES-Studie sagt, dass von mehr als 1.400 Krankenhäusern in Deutschland weniger als 600 – dafür große Kliniken – benötigt würden. Dieser Forderung widerspricht jetzt der Deutsche Evangelische Krankenhausverband.

Der flächendeckende Zugang zu einer qualifizierten medizinischen Versorgung gilt bislang als ein Grundpfeiler des deutschen Gesundheitssystems. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung stellt diesen Status in Frage und regt eine Strukturveränderung an: Ein zweistufiges System mit „Neuer Regelversorgung“ in Mittelzentren und einer „Maximalversorgung“ in Groß- und Oberzentren soll die bisherige drei- oder vierstufige Krankenhausversorgung (Grund- und Regelversorgung, Schwerpunkt- und Maximalversorgung, Fachkliniken) ablösen.

Dieser Aussage widerspricht Christoph Radbruch, Vorsitzender des Deutschen Evangelischen Krankenhausverbandes e. V. (DEKV): „Größe und Anzahl von Krankenhäusern sind nur ein Faktor unter vielen, um eine patientenzentrierte und bedarfsgerechte medizinische Versorgung zu gewährleisten. Die Schlussfolgerung, dass große Krankenhäuser bessere Leistungen als kleinere Kliniken erbringen, ist nicht zu beweisen. Es ist ein Irrtum, dass die Maximalversorger die Mengen haben. Im evangelischen Krankenhausbereich gibt es viele kleine Spezialisten. Ihre Patientenzahlen für bestimmte Fachabteilungen liegen höher als die der Universitätskliniken.“ 

Diakoniekrankrankenhaus Freiburg als Gegenbeispiel

Als Beispiel führt Radbruch das Evangelische Diakoniekrankrankenhaus Freiburg mit seiner Viszeralchirurgie an: Jährlich werden dort 2.896 Patienten behandelt, im benachbarten Universitätsklinikum hingegen 2.800. Auch auf der Ebene der Operationen führe hier eine Spezialisierung zu bedeutsamen Zahlen: Die Operation „Entfernen der Gallenblase“ wird im Diakoniekrankenhaus Freiburg 454 Mal vorgenommen, im Universitätsklinikum hingegen nur 307-mal. „Qualität hängt auch davon ab, dass die Fachabteilungen gut miteinander kooperieren und zusammenarbeiten. Da sind kleinere Krankenhäuser oft im Vorteil. Zudem sind bei der stationären Bedarfsplanung regionale Besonderheiten und gewachsene Strukturen zu berücksichtigen. Das gilt insbesondere für ländliche Gebiete und auch die stetig wachsende Zahl älterer Patienten, denen lange Wege nicht zugemutet werden können, darf nicht aus den Augen verloren werden”, kommentiert Radbruch.

Optimierungspotenzial nutzen

Generell müsse es künftig darum gehen, das ambulante Potenzial auszuweiten und neue Strukturen zu schaffen, aber stets unter Berücksichtigung des regionalen Patientenbedarfs, meint der Verbandsvorsitzende. „Evangelische Krankenhäuser bieten mit ihrer Heterogenität einen entscheidenden Beitrag für eine patientenzentrierte und zuwendungsorientierte Versorgung. Insbesondere vulnerable, kognitiv eingeschränkte Patientinnen und Patienten dürfen nicht durch das Raster fallen“. Aus Sicht des Deutschen Evangelischen Krankenhausverbandes ist eine Stärkung der Landeskrankenhausplanung mit Finanzierungsverpflichtung ebenso notwendig wie ein neues Finanzierungssystem für Krankenhäuser mit der Politik auszuhandeln. „Die Größe vor Regionalität und Trägervielfalt zu stellen ist eindeutig der falsche Weg“, unterstreicht Radbruch und widerspricht damit Forderungen der Studie der Bertelsmann-Stiftung.