Kongress: Telemedizin in die Praxis bringen

(Foto: melpomen/123rf.com)

Wie muss eine moderne Patientenversorgung aussehen? „Weg vom reaktiven Handeln hin zum proaktiven Behandeln“, darüber waren sich die Teilnehmenden des NRW-Kongress Telemedizin einig.

In diesem Jahr wurde der Kongress als Online-Format von der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin (DGTelemed) und der ZTG Zentrum für Telematik und Telemedizin veranstaltet. Diskutiert wurden zukunftsweisende digitale Anwendungen und Bedarfe für die Gesundheitsversorgung in und nach der Coronavirus-Pandemie.

Flächendeckende telemedizinische Versorgung

„Es ist Zeit für die flächendeckende und sektorenübergreifende telemedizinische Versorgung in Deutschland“, sagte Prof. Dr. med. Gernot Marx, FRCA, DGTelemed-Vorstandsvorsitzender, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und Direktor der Klinik für Intensivmedizin und Intermediate Care an der Uniklinik RWTH Aachen, in seiner Eröffnungsrede. Einige innovative Telemedizinprojekte haben bereits gezeigt, wie sektorenübergreifend erfolgreich medizinische Expertise ortsunabhängig und zeitlich flexibel ausgetauscht werden kann. 

Doch wie digital ist die Patientenversorgung in NRW? Einen Überblick der aktuellen Situation gab Gerhard Herrmann, Leiter der Abteilung V Gesundheitsversorgung, Pflege- und Gesundheitsberufe, Krankenversicherung im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen. So habe die Krise bereits einige Impulse hin zu einer digital unterstützten Behandlung gesetzt. Das Zusammenspiel von Krankenhäusern, Ärztinnen und Ärzten sowie anderen relevanten Akteuren der Gesundheitsversorgung ist allerdings noch ausbaufähig. Ziel sei eine flächendeckende telemedizinische Versorgungslandschaft. In die Telematikinfrastruktur (TI) und digitale Anwendungen werde in den nächsten Monaten und Jahren weiter investiert, so Herrmann.

Strukturen dringend erforderlich

„Wenn telemedizinische Funktionalitäten und Konzepte versorgungsrelevant werden und nachhaltig genutzt werden sollen, braucht es Strukturen“, betonte DGTelemed-Vorstandsmitglied Prof. Dr. Neeltje van den Berg. Doch wie können solche Strukturen geschaffen werden? Für Dr. phil. Michael Schwarzenau, Hauptgeschäftsführer der Ärztekammer Westfalen-Lippe, steht fest: Es braucht unter anderem regionale Gesundheitsbudgets und Versorgungsmodelle, integrierte Gesundheitszentren sowie die Zusammenlegung der ambulanten und stationären Bedarfsplanung in eine sektorenübergreifende Versorgungsplanung.

Ein Leuchtturm telemedizinischer Versorgung ist das Virtuelle Krankenhauses Nordrhein-Westfalen (VKh.NRW), das derzeit auf Initiative von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann entsteht. Bereits seit Ende März 2020 können Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen die Vorstufe des VKh.NRW nutzen. So erhalten sie fachliche Unterstützung bei der intensivmedizinischen Versorgung von an COVID-19 erkrankten Patientinnen und Patienten via Telekonsil, ausgehend von den beiden Unikliniken Aachen und Münster. Bislang konnte das VKh.NRW in über 2.850 Telekonsilen bei der Versorgung von mehr als 430 Erkrankten unterstützen.

Hilfe für chronisch Kranke

Auch bei chronischen Erkrankungen kann Telemedizin unterstützen. ZTG-Geschäftsführer und DGTelemed-Vorstandsmitglied Rainer Beckers verdeutlichte am Beispiel Asthma, dass die regelmäßige digitale und engmaschige Kontrolle von physiologischen Parametern bei chronisch Erkrankten dabei hilft, schon frühzeitig eine Verschlechterung der Gesundheitswerte zu erkennen. So könne die Ärztin oder der Arzt zeitnah die Medikation anpassen und drastische Verschlechterungen des allgemeinen Gesundheitszustandes verhindern. Elektronische Hilfsmittel könnten die manuelle Dokumentation abnehmen, die Daten elektronisch selbsttätig aufbereiten und an ein Telemedizin-Zentrum tagesgenau übermitteln. „Telemonitoring ist ein intelligenter und patientenorientierter Prozess, der die medizinische Versorgung verbessert.

Telemedizinische Versorgung bei Herzinsuffizienz

Im Anschluss warf Prof. Dr. med. Friedrich Koehler einen Blick in die Praxis. Er ist FESC und Leiter des Zentrums für kardiovaskuläre Telemedizin und Oberarzt für Kardiologie an der Medizinischen Klinik m. S. Kardiologie und Angiologie an der Charité Berlin. Koehler stellte insbesondere Studienergebnisse der vergangenen Jahre zur telemedizinisch unterstützen Versorgung bei Herzinsuffizienz vor. 

Ein patientenzentriertes und qualitätsorientiertes Telemonitoring als Unterstützung zur Präsenzmedizin wünscht sich Gerlinde Bendzuck, Mitglied im Vorstand der Deutschen Rheumaliga, Es gewährleistet eine optimale Versorgung insbesondere in Regionen, in denen der Weg zur fachärztlichen Praxis sehr weit ist. 

Patienten müssen im Fokus stehen

Doch warum ist Telemonitoring noch nicht flächendeckend und von den Krankenkassen getragen im Einsatz? Derzeit gebe es noch zu viele verschiedene Hürden, Telemonitoring-Lösungen in die Regelversorgung zu bringen. Erklärungsansätze dafür führte Tom Ackermann, Vorsitzender des Vorstands der AOK Nordwest an. So mangele es beispielsweise an Finanzierungsregelungen, an praktikablen Methoden zur Nutzenbewertung und an der Skalierbarkeit, um passende Kooperationsmodelle mit Ärztinnen und Ärzten zu finden. Offen sei zudem die Frage, inwieweit alle Patientinnen und Patienten technisch in der Lage seien, Telemonitoring-Lösungen anzuwenden.

Gleichwohl wächst die Nachfrage vor allem bei jüngeren Menschen. Hersteller von Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) erobern den Markt. Es ist notwendig, auf die aktuellen Entwicklungen zu Gunsten der Patientinnen und Patienten zu reagieren.

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