Zwei Drittel sind krank am Arbeitsplatz

Erkältete Büroarbeiterin
Erkältete Büroarbeiterin: Wachsende Tendenz, dass Arbeitnehmer trotz Krankheit arbeiten gehen (Foto: © contrastwerkstatt/fotolia.com)

In einem Fachbeitrag der Novemberausgabe der Fachzeitschrift „Arbeitsmedizin, Sozialmedizin, Umweltmedizin (ASU)“ wird deutlich: Viele Menschen erscheinen trotz Krankheit am Arbeitsplatz. Dieser so genannte Präsentismus stellt ein großes Risiko für Unternehmen und Gesellschaft dar.

Nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) führten in Deutschland allein krankheitsbedingte Fehlzeiten im Jahr 2014 volkswirtschaftlich zu einem Produktivitätsverlust von rund 57 Milliarden Euro und einem Verlust an Arbeitsproduktivität von 90 Milliarden Euro. Dass krankheitsbedingte Fehlzeiten – in der Fachsprache Absentismus genannt – Unternehmen und die Gesellschaft als Ganzes vor große Herausforderungen stellen, ist allgemein bekannt.

Ein aktueller Fachzeitschriftenbeitrag macht jetzt deutlich, dass es sich dabei aber nur um eine Seite der Medaille handelt: Neben dem Absentismus stellt der so genannte Präsentismus ein echtes Problem dar. Hierbei handelt es sich sogar um einen nicht weniger großen Kostenfaktor für Unternehmen und Gesellschaft, der zudem meist unterschätzt oder gar überhaupt nicht berücksichtigt wird.

Das wissenschaftlich-publizistische Organ der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM), die im Stuttgarter Gentner Verlag erscheinende Fachzeitschrift „Arbeitsmedizin, Sozialmedizin, Umweltmedizin (ASU)“ diskutiert in der soeben erschienenen November-Ausgabe dieses Problem im Beitrag „Präsentismus – ein unterschätzter Kostenfaktor“.

Krankenstand dauerhaft niedrig

Die Verfasser des Beitrags, Dr. Nadja Amler, Katrin Docter und Oliver Schöffski vom Lehrstuhl für Gesundheitsmanagement an der Universität Erlangen-Nürnberg, reflektieren das Phänomen vor dem Hintergrund eines umfassenden Kosten- und Nutzenansatzes im Gesundheitswesen. In ihrem Beitrag weisen die Autoren darauf hin, dass zwar seit langem der Krankenstand in Deutschland sich auf einem sehr niedrigen Niveau bewege, aber aus der Analyse unterschiedlicher Studien die Tendenz zu registrieren sei, dass Arbeitnehmer trotz Krankheit vermehrt arbeiten gehen.

Diesen Trend belegen auch Studienergebnisse aus Skandinavien. Dort bewegt sich laut Amler, Docter und Schöffski der Anteil der Mitarbeiter, die trotz Krankheit zur Arbeit gehen, auf einem erschreckend hohen Niveau: Im Jahr 2005 gaben 53 Prozent der Befragten an, im Vorjahr mehr als einmal krank arbeiten gegangen zu sein. In Deutschland liegen hierzu Daten aus zwei repräsentativen Befragungen aus den Jahren 2003 und 2007 vor. In beiden Jahren gaben rund zwei Drittel der Befragten an, im Vorjahr zur Arbeit gegangen zu sein, obwohl sie sich krank gefühlt hätten. Rund ein Drittel der Befragten ging sogar gegen den Rat ihres Arztes arbeiten. Im Geschlechtervergleich gingen Frauen tendenziell öfter trotz Krankheit arbeiten als Männer.

Mehr Fehler und Unfälle

Die Gründe für ein solches Verhalten beschreibt das Autorenteam als mannigfaltig. Die damit einhergehenden Kosten können genauso groß sein oder ein Vielfaches der Kosten erzeugen, die Unternehmen und Gesellschaft durch Absentismus entstehen. Darüber hinaus gibt es weitere negative Effekte: Die Mitarbeiter gefährden nicht nur ihre eigene Gesundheit und die der Kollegen, sondern können auch aus anderen Gründen hohe Folgekosten verursachen. Eine geringe Arbeitsqualität sowie eine erhöhte Anzahl von Fehlern oder Unfällen bei der Arbeit sind mögliche Folgen. Ferner deuten einige wissenschaftliche Studien auf ein erhöhtes Risiko für einen vorzeitigen Ausstieg aus dem Erwerbsleben hin.

Während die Kosten durch Präsentismus noch vor wenigen Jahren kaum berücksichtigt wurden, erfreut sich die Erforschung dieses Phänomens einer zunehmenden Beliebtheit. Vor dem Hintergrund der damit verbundenen Folgen für den Einzelnen, für die Unternehmen und die gesamte Gesellschaft wäre es nach Meinung des Autorenteams dringend erforderlich, wenn die Erforschung des Themas weiter vorangetrieben würde.

Weitere Informationen unter www.asu-arbeitsmedizin.com