„Sprechende Medizin“ kommt zu kurz

Das Gespräch zwischen Arzt und Patient ist wichtig. (Foto: Alexander Raths - Fotolia.com)

Im stressigen Klinikalltag und angesichts des ökonomischen Drucks fehlt Ärzten oft die Zeit für ein längeres Gespräch mit ihren Patienten. Gerade bei betreuungsintensiven Fachdisziplinen wie etwa der Diabetologie oder der Rheumatologie kann auch der Behandlungserfolg unter der fehlenden Gesprächszeit leiden – mit massiven gesundheitlichen Folgen, warnt die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM).

Statistiken zufolge unterbricht der Arzt seinen Patienten bereits nach 15 Sekunden und stellt vorwiegend sogenannte „geschlossene“ Fragen. Auf diese Fragen kann der Patient nur mit „Ja“ oder „Nein“ antworten. Offene Fragen, wie zum Beispiel nach dem Befinden des Patienten, werden häufig erst gar nicht gestellt, da dazu die Zeit fehlt. „Das Gespräch mit dem Patienten ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass er überhaupt Vertrauen gewinnen kann – zur Medizin und zum behandelnden Arzt. So können wir ihm beispielsweise Mut machen, eine Behandlung zu beginnen“, sagt Professor Schumm-Draeger, Vorsitzende und Kongresspräsidentin der DGIM aus München. Grundstein für den Austausch zwischen Ärzten und Patienten sei ausreichend Zeit – und diese sei im zunehmend wirtschaftlich orientierten Klinikalltag zu wenig vorhanden. Die so wichtige „Sprechende Medizin“ kommt nach Ansicht von Schumm-Draeger häufig viel zu kurz. „Um sicherzustellen, dass Patienten zukünftig beispielsweise besser über mögliche Risiken von Medikamenten informiert werden, müssen wir im Vergütungs-System Raum für den Austausch mit dem Patienten schaffen“, ist die DGIM-Vorsitzende überzeugt.

Sprechende Medizin: Entscheidend bei chronischen Erkrankungen

Vor allem Patienten mit chronischen Erkrankungen, beispielsweise an der Schilddrüse oder Diabetes sind regelmäßige Gespräche mit Ärzten sehr wichtig. In diesen Fällen ist eine erfolgreiche Betreuung und Behandlung der DGIM zufolge nur mit einer intensiven Arzt-Patienten-Beziehung möglich. So muss der Patient zum Beispiel bei der Diabetestherapie eine entscheidende Rolle übernehmen: „Er muss die wesentlichen Therapiemaßnahmen in seinem Alltag dauerhaft und eigenverantwortlich umsetzen“, so Schumm-Draeger. Je besser das dem Betroffenen gelinge, desto positiver sei die Prognose für den Verlauf des Diabetes. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass Patienten – beispielsweise durch Gespräche mit Ärzten – ausreichend Wissen über ihre Erkrankung und genügend Fertigkeiten haben, um damit im Alltag zurecht zu kommen.

Neben ihrer Forderung nach einer angemessenen Vergütung für die „Sprechende Medizin“ befasst sich die DGIM intensiv mit der Frage, wie die verschiedenen Akteure im Gesundheitswesen die Bedingungen für Ärzte und Patienten verbessern können. Am Ende der Diskussion soll ein „Klinik-Kodex“ stehen. Das Leitthema der 123. Jahrestagung der DGIM vom 29. April bis 2. Mai 2017 in Mannheim lautet daher „Versorgung der Zukunft: Patientenorientiert, integriert und ökonomisch zugleich“. Im Rahmen dieses Kongresses will die Vorsitzende der Fachgesellschaft erste Ergebnisse des „Klinik-Kodex“ vorstellen.