Narkose-Einleitung zwischendurch im OP trainieren

Ärzte und Pfleger üben am Patienten-Dummy „Johannes Müller“ eine Narkoseeinleitung als Auftakt einer OP und Vermeidung von Komplikationen. (Foto: UKM)

Bei mindestens einem von 140.000 operierten Patienten in Deutschland kommt es zu einem ernsten Narkose-Zwischenfall. Das zeigt eine bereits 2014 veröffentlichte Studie der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI). Um Anästhesie-Teams für Risiken zu sensibilisieren und für diese Situationen zu wappnen, gibt es am UKM (Universitätsklinikum Münster) „to go“-Trainings zum Üben lebensrettender Abläufe zwischendurch.

Die „Training to go“ wurden sowohl für Ärzte als auch für Pflegekräfte konzipiert und finden direkt im Einleitungsraum der Klinik statt. Dort üben die Teilnehmer am Patientensimulator das, was sie Minuten zuvor noch am lebenden Patienten in Echtzeit durchgeführt haben. Trainiert werden soll das tägliche Kerngeschäft: Einleitungen von Narkosen als Auftakt zu einer OP und Vermeidung von Komplikationen.

Narkose-Einleitung am Simulator

Angeleitet werden Sie dabei von den Leitern des UKM Trainingszentrums: Michael Klatthaar und Dr. Tim Güß. „Die Kollegen werden aus ihren laufenden Aufgaben im OP abgelöst. Unsere Auswahl ist zufällig – wichtig ist nur, dass jeder regelmäßig dran ist. Dabei gibt es keine Hierarchien: Erfahrene Mitarbeiter nehmen genauso teil wie der Berufsanfänger“, sagt Klatthaar. „Beim „Training to go“ ist Zeit für Fragen, für die während einer ‚echten‘ Operation meist wenig Raum bleibt. Das können ganz banale Dinge sein, aber auch das nochmalige Vergegenwärtigen von eingespielten Abläufen betreffen“, ergänzt Güß.

So haben sich zum Beispiel an einem Montagmorgen um viertel nach neun Teilnehmer für ein „Training to go“ im Einleitungsraum versammelt: Die beiden Anästhesie-Pflegekräfte Jasmin Pelizaeus (28) und Jonas Janßen (22) sowie der Assistenzarzt im zweiten Fortbildungsjahr zum Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Dr. Kei Schulz (28). Alle wurden zuvor im OP abgelöst. Im aktuellen Fall steht der Umgang mit dem schwierigen Atemweg im Mittelpunkt. Der Patienten-Dummy „Johannes Müller“ wird vom Anästhesie-Team begrüßt wie ein menschlicher Patient, ein Zwinkern aus Puppenaugen ist seine Reaktion. Bei dem fiktiven anschließenden Eingriff handelt es sich diesmal um eine geplante und nicht lebensbedrohliche Bandscheiben-OP.

Direktes Feedback

Komplikationen sind nach vorheriger Anamnese nicht zu erwarten, einzig die etwas zu niedrige Sauerstoffsättigung von nur 94 Prozent fällt Assistenzarzt Schulz auf. Güß nimmt das in einem ersten Time-out auf und lobt: „Prima, dass Dir das aufgefallen ist und du es auch ausgesprochen hast – so ist das gesamte Team auf demselben Informationsstand und über ein mögliches Risiko informiert“. Solche Time-outs streuen wir in den Trainings immer wieder ein“, sagt Klatthaar. Sie seien ein wichtiges und direktes Feedback für die Teilnehmer. Während der Trainings werden sie genutzt, um Situationen zu kommentieren.

Beim Training lässt sich „Patient Müller“  nur schwer mit der Maske beatmen, die Intubation klappt zunächst gar nicht. Am echten OP-Tisch käme das Team nun ins Schwitzen. Beim Training bleibt Zeit zu überlegen, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen. Das Trainingsteam entscheidet, den Instrumentenwagen für den schwierigen Atemweg zu holen. Außerdem fällt die Entscheidung, dass das Team im Nachbar-OP zu informiert werden soll, dass man kurzfristig Unterstützung benötigen könnte. Güß erklärt noch einmal die Funktionsweise aller Instrumente, die sonst nicht standardmäßig bei Narkoseeinleitungen verwendet werden. „Es ist gut, diese Dinge immer mal wieder in der Hand zu haben, damit sie im Notfall dann auch schnell und richtig eingesetzt werden“, ist er überzeugt.

Hilfe rechtzeitig anfordern

Weil im Szenario die oberen Atemwege des Patienten verlegt sind, hilft nur eine Not-Koniotomie (Luftröhrenschnitt). Zu der wird letztendlich ein Chirurg hinzugezogen. „Wir wollen mit dem Training ermutigen, zeitnahe Entscheidungen zu treffen, die im Ernstfall lebensrettend sein können“, sagt Klatthaar. Im normalen OP-Alltag sei jeder bereit, zu unterstützen. Trotzdem müsse man lernen, diese Hilfe zum richtigen Zeitpunkt auch anzufordern.

Mehraufwand lohnt sich

Die Trainingsteilnehmer halten das Training für eine hilfreiche und sinnvolle Ergänzung. „Entweder ich mache in der Ausbildung nur Theorie oder im OP nur Praxis“, sagt Anästhesie-Pfleger Janßen. Und Assistenzarzt Schulz lobt: „Beim ‚Training to-go‘ ist alles klar strukturiert und ich bekomme sofortige Resonanz darauf, wie ich die Theorie umsetze.“ UKM-Pflegedirektor Thomas van den Hooven ist davon überzeugt, dass die „to go“-Trainings ein entscheidender Baustein dafür sind, die Versorgungsqualität auf hohem Niveau zu halten. Hubert Otte, der die Einteilung der Teams in allen OPs des UKM koordiniert, sieht in den Trainings einen Mehrwert für die Patientensicherheit. Da lohnt sich auch der Mehraufwand. Denn einfach in den Alltag integrieren lassen sich die aufwändigen „to-go“-Trainings häufig nicht.