Kindeswohlgefährdung erkennen: App hilft Ärzten

Die App hilft dabei, Symptome und Krankheitsbilder hinsichtlich eines möglichen Missbrauchs zu bewerten. (Foto: Techniker Krankenkasse/TK)

Seit Kurzem können Ärzte in Sachsen bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung auf die App „Hans & Gretel“ zurückgreifen. Die App soll dabei helfen, Symptome und Krankheitsbilder hinsichtlich eines möglichen Missbrauchs zu bewerten. Erhärtet sich der Verdacht, können Ärzte zudem direkt die richtigen Ansprechpartner und Dokumente abrufen. Entwickelt wurde die App von einer Projektgruppe, bestehend aus Vertretern der TK und der Sächsischen Landesärztekammer.

Laut Kriminalstatistik wurden in Deutschland allein im vergangenen Jahr 4.208 Kinder Opfer von Gewalt. Die Dunkelziffer liegt vermutlich weit darüber. Anzeichen von Gewalt gegen Kinder fallen häufig erstmals beim Arztbesuch auf. Ärzten fällt es jedoch nicht immer leicht zu erkennen, ob tatsächlich eine Kindeswohlgefährdung vorliegt. „Das zu entscheiden, ist oft schwierig“, erklärt Matthias Jakob von der TK in Sachsen. Der Arzt muss sich, unter Druck, viele Fragen stellen. Gibt es Ungereimtheiten bei der Unfallgeschichte? Verhalten sich Kind oder Erziehungsberechtigte auffällig? Wenn ja, wie gehe ich weiter vor?

Zwar gibt es einen Ordner mit entsprechenden Unterlagen, den theoretisch jede Arztpraxis hat. Dieser Ordner ist jedoch im hektischen Praxisalltag selten in ständigem Gebrauch. „Ärzte erkennen nicht alle Fälle von Kindeswohlmissbrauch. Auch bestehen Unsicherheiten im Umgang“, sagt Prof. Guido Fitze, Ärztlicher Direktor der Uniklinik Dresden. Seiner Einschätzung nach wird der Ordner außerdem längst nicht in jeder Arztpraxis genutzt: „Den dicken Leitfaden auf Papier kennen nicht mal drei von vier Ärzten.“

Print nicht mehr zeitgemäß

Jakob und Fitze gehören der Projektgruppe an, die in Kooperation mit der Sächsischen Landesärztekammer und der TK mit dem Projekt „Verstetigung des medizinischen Kinderschutzes in Sachsen“ eigentlich zum Ziel hatte, den Leitfaden „Gewalt gegen Kinder” als Broschüre zu überarbeiten. Dabei habe schnell festgestanden, dass Print nicht mehr zeitgemäß sei. So entstand die Idee zur App, die den Papierleitfaden ablösen soll. Das neue Programm soll mit Symptom-Beschreibung und Bildmaterial dabei helfen, Gewaltfälle zu erkennen. Außerdem unterstützt die App die Dokumentation und den Kontakt zu Meldestellen.

Flexibel im Praxisalltag

„Vor allem die Verfügbarkeit der App zu jeder Zeit an jedem Ort ist für mich im ärztlichen Alltag ein wesentlicher Vorteil gegenüber Broschüren und Formularen“, beschreibt Fitze. Den Namen

„Hans & Gretel“ erhielt die App zum einen, da das Grimm’sche Märchen in der Gerichtsmedizin für alle möglichen Formen der Gewalt gegen Kinder steht. Und aus „Hänsel“ wurde „Hans“, da perspektivisch App-Erweiterungen für Gewaltopfer im Erwachsenen- und Pflegebereich geplant sind.

Darüber hinaus gab es noch ein weiteres Argument für die Namensgebung: „Wenn man als Arzt diese App im Patientengespräch öffnet und ein Elternteil gegenübersitzt, steht dort nicht gleich „Achtung Kindeswohlgefährdung!“, so Jacob. Es komme also nicht sofort zu Misstrauen, wenn man sich als Arzt erst einmal informieren wolle.

Kostenfrei erhältlich

Seit 2015 wurde am Projekt getüftelt. Ein wichtiger Punkt dabei: „Es soll nicht auf’s Geratewohl ein Verdacht ausgesprochen werden. Wir wollen aber sehr wohl für das Thema sensibilisieren und den Ärzten den Prozess erleichtern“, erklärt Jacob. Die App „Hans & Gretel“ ist ab sofort kostenfrei erhältlich.