“Händeringend ärztliches Personal gesucht”

Geschäftsführerin Anja Schelte
Anja Schelte ist Geschäftsführende Gesellschafterin des Executive-Search-Unternehmens Delta Management Consultants. (Foto: Delta Management Consultants).

Wie schwerwiegend ist der Mangel an medizinischem Fachpersonal in Deutschland? Warum gehen manche Spitzenmediziner lieber ins Ausland? Interview mit der Executive-Search-Spezialistin Anja Schelte.

Das Unternehmen Delta Management Consultants GmbH ist eines der größten, unabhängigen Executive-Search-Unternehmen in Deutschland. mednic.de sprach mit der Geschäftsführenden Gesellschafterin Anja Schelte, die als Spezialistin für die Besetzung von Führungspositionen im Krankenhauswesen, bei Krankenversicherungen und für den öffentlichen Sektor agiert. Die schwierige Suche nach medizinischen Fachkräften wird nicht nur durch Spitzenlöhne im Ausland erschwert, betont die Beraterin.

mednic: Obwohl die Zahl der Ärzte in einigen Bundesländern zuletzt gestiegen ist, melden einige Landesärztekammern einen zunehmenden Mangel. Können Sie bestätigen, dass in einigen Bereichen Mediziner händeringend gesucht werden?

Schelte: Es wird zum Teil händeringend ärztliches Personal gesucht! Das gilt nicht für Ballungszentren wie Hamburg, München oder Düsseldorf, sehr wohl aber für den ländlichen Raum. Hier ist die Situation schwierig und in Teilen Ostdeutschlands ist es sogar äußerst schwierig. Dieser Mangel führt meiner Erfahrung nach bereits dazu, dass Personalentscheidungen zu Lasten der Qualität getroffen werden. In manchen Regionen werden heute sogar Chefarztpositionen mit eher mäßig erfolgreichen Medizinern besetzt.

“Personalentscheidungen werden zu Lasten der Qualität getroffen”

mednic: Welche Experten im medizinischen Bereich müssen sie ganz besonders häufig ausfindig machen?

Schelte: Beim ärztlichen Personal werden derzeit sehr häufig Neurologen, Gastroenterologen, Pädiater, Chirurgen, Orthopäden und Geriater gesucht. Doch auch andere Spezialisten in medizinischen Bereichen werden vielerorts vermisst, etwa IT-Leiter, Facility Manager, Klinik-Geschäftsführer oder OP-Manager.

mednic: Wie lange dauert üblicherweise die Suche nach begehrten Fachkräften in der Medizin?

Schelte: Hier kann man keine pauschale Zeitspanne nennen, aber üblich sind 200 Gespräche mit infrage kommenden, entsprechend qualifizierten Kräften. Natürlich erlebt man auch einmal den „Lottogewinn“, wenn bereits das zehnte Gespräch den perfekt passenden Bewerber ergibt. Wir haben aber auch Fälle erlebt, bei denen wir selbst nach 400 Gesprächen noch nicht fündig geworden sind. Der Fachkräftemangel im medizinischen Bereich hat leider auch bereits dazu geführt, dass Personalberater ohne ausreichende Expertise in medizinischen Berufen nach Fachkräften suchen. Sie können aber einen Arzt nicht nach dem gleichen Schema suchen wie einen Vertriebsmanager – hier sind Probleme vorprogrammiert!

“Sie können einen Arzt nicht nach dem gleichen Schema suchen wie einen Vertriebsmanager”

mednic: Wie aufgeschlossen stehen Ihre Auftraggeber ausländischen Fachkräften gegenüber?

Schelte: Die Zahl der ausländischen Bewerber hat deutlich zugenommen. Allerdings ist es eher noch die Ausnahme, dass ein ausländischer Bewerber auf Anhieb eine leitende Tätigkeit übernimmt. Junge Ärzte, die in Deutschland ihre berufliche Karriere beginnen, haben hingegen häufig sehr gute Chancen. Mit der reinen Stellenbesetzung ist es allerdings im Regelfall nicht getan: Entscheidend ist, dass die Integration des ausländischen Bewerbers begleitet wird. Er braucht eine adäquate Wohnung und er muss unsere Sprache erlernen. Da dies häufig nicht im Blick behalten wird, gibt es eine relativ hohe Zahl von Abbrechern, die oft die erstbeste Karrierechance im Heimatland ergreifen, um wieder zurückzukehren. Dies beobachten wir beispielsweise in hohem Maße bei Bewerbern aus Spanien. Gerade dem Erlernen der Sprache wird meiner Ansicht nach häufig zu wenig Augenmerk geschenkt, was zur Folge hat, dass das Risiko von Behandlungsfehlern steigt.

mednic: Beobachten Sie eine Tendenz, dass Mediziner lieber in angestellter, leitender Position arbeiten als ein niedergelassener Arzt zu werden?

Schelte: Ob ein Arzt langfristig als angestellter Krankenhausarzt arbeitet, hängt ganz massiv mit den Arbeitsbedingungen zusammen, die sich in vielen Kliniken noch weiter verbessern müssen. Die früher übliche ‚Sklavenhaltung’ von jungen Medizinern wird heute kaum noch toleriert. Junge Ärzte achten weitaus stärker als früher auf die Unternehmenskultur, auf Ausbildungsangebote und die Arbeitszeiten. Da auf Oberarztebene heute zum Teil sehr gute Gehälter gezahlt werden, nimmt unserer Erfahrung nach das Interesse ab, eine verantwortungsreiche Chefarztposition zu übernehmen. Das Ergebnis eines Beratungsgesprächs kann durchaus sein, dass wir einem Mediziner dazu raten, als niedergelassener Arzt zu arbeiten.

“Sklavenhaltung von jungen Medizinern wird heute kaum noch toleriert”

mednic: Wird der Arztberuf in Deutschland durch zu viele Dokumentationsaufgaben zunehmend unattraktiv?

Schelte: Das war früher so, hat sich aber gebessert. Heute gibt es glücklicherweise den Beruf des Dokumentationsassistenten und professionelle Kodierabteilungen, die den Mediziner entlasten. Grundsätzlich muss man aber sagen, dass der Dokumentationsaufwand sehr hoch ist, wobei sich hier die fortschreitende Digitalisierung positiv auswirkt. Die E-Akte ist in immer mehr Krankenhäusern vorhanden, das erleichtert die Arbeit! Bei aller Kritik am vermeintlichen Papierkrieg sollte man nicht außer Acht lassen, dass der Arztberuf sehr verantwortungsvoll ist – wir sprechen hier von Menschenleben! Entsprechend muss ein Arzt seine Therapie genau dokumentieren und alle Schritte belegen können.

mednic: Nimmt die Zahl der Mediziner zu, die vergleichsweise gut dotierte Stellen in Ländern wie der Schweiz oder in den USA suchen?

Schelte: Die USA sind für Deutschland kein großes Problem, denn dort stellt der Arbeitsmarkt viele ausgebildete Mediziner zur Verfügung. Die Schweiz ist dagegen ein heikles Thema. Hier werden trotz enorm hoher Lebenshaltungskosten sehr gute Gehälter gezahlt, die Steuern sind vielerorts niedrig und die Kliniken sind meist sehr gut ausgestattet und modern. Dieses Angebot lockt viele Mediziner, doch nach unserer Einschätzung kommen auch viele Ärzte wieder zurück, weil sie in der Schweiz nie richtig Fuß fassen. Immer mehr Ärzte lockt auch Norwegen, wo es große Versorgungsgebiete und sehr gute Verdienstmöglichkeiten gibt. Umgekehrt muss man allerdings auch einräumen, dass deutsche Kliniken Personal im Ausland suchen – und oft auch fündig werden. Wir beobachten zum Beispiel, dass derzeit beispielsweise Geriater aus den Niederlanden zu uns kommen.