Bundesweiter Gedächtnistest per App

Das Bürgerforschungsprojekt beruht auf Gedächtnistests, die mit Hilfe einer speziellen App durchgeführt werden. (Foto: DZNE)

Wie wirken die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie und eine COVID-19- Erkrankung auf die Gedächtnisleistung aus? Das wollen Forschende des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) herausfinden und starten einen bundesweiten Gedächtnistest per App.

Die Wissenschaftler des DZNE haben ein bundesweites Forschungsprojekt gestartet. Nun rufen sie dazu auf, per Smartphone an der Erforschung der vom Coronavirus verursachten Erkrankung COVID-19 mitzuwirken. Das Bürgerforschungsprojekt beruht auf Gedächtnistests, die anhand einer speziellen App durchgeführt werden. Neben dem DZNE ist das Institut für Kognitive Neurologie und Demenzforschung (IKND) am Universitätsklinikum Magdeburg an dem Vorhaben beteiligt.

Bürgerbeteiligung gefragt

Das wissenschaftliche Projekt setzt auf breite Bürgerbeteiligung. Sie wird durch eine spezielle, kostenfreie App für Smartphones und Tablets ermöglicht. Die App ruft zunächst wöchentlich, später seltener, zum Gedächtnistest auf. Der Test geschieht anhand von Fotos und computergenerierten Szenerien, die von der App eingeblendet werden. Auf diesen Abbildungen müssen sich die Studienteilnehmenden beispielweise die Lage von Objekten merken oder erkennen, ob es sich um Innen- oder Außenaufnahmen handelt. 

„Der Testablauf umfasst verschiedene, spielerische Aufgaben. Insgesamt braucht man dafür vielleicht eine Viertelstunde“, sagt Prof. Emrah Düzel, Sprecher des DZNE-Standorts Magdeburg und Direktor des IKND. „Die unterschiedlichen Aufgaben beanspruchen gezielt bestimmte Hirnbereiche und kognitive Fähigkeiten. Sie mögen banal erscheinen, doch dahinter steckt wissenschaftliches Know-how. Die App wird daher auch in klinischen Studien über Demenz eingesetzt.“

Erfahrungen mit dieser Form einer Bürgerforschung hat das Team um Düzel bereits im Rahmen eines Pilotprojektes mit rund 2.500 Teilnehmenden gesammelt. „Dabei hat sich gezeigt, dass die Kombination von App und Beteiligung der Öffentlichkeit wissenschaftlich fundierte Ergebnisse liefern kann“, sagt der Hirnforscher. Entwickelt wurde die Software vom Magdeburger Start-up „neotiv“, mit dem das DZNE seit zwei Jahren kooperiert. Bei der aktuellen Studie fungiert das Unternehmen als technischer Partner.

Teilnahme ohne Feedback

Die Gedächtnistests werden ergänzt durch Fragen nach Vorerkrankungen, zum aktuellen gesundheitlichen Befinden, sozialer Distanzierung und Stimmungslage. Sämtliche Angaben und Testergebnisse werden anonym erfasst und vom DZNE und IKND wissenschaftlich ausgewertet. 

Eine Rückmeldung erhalten die Teilnehmenden an dem Projekt übrigens nicht. „Die App ist ein Forschungsinstrument, gewissermaßen ein Messgerät. Sie gibt den Nutzenden kein Feedback darüber, ob sie beim Gedächtnistest gut oder schlecht abschneiden“, so der Forscher weiter. Selbst eine vermeintlich unverbindliche Rückmeldung könne Sorgen über die eigene Gesundheit hervorrufen. Das wäre ethisch nicht vertretbar, betont er. „Wer sich an unserer Studie beteiligt, stellt sich ganz in den Dienst der Wissenschaft. Die Teilnehmenden können mit ihrem Engagement helfen, dass wir die Folgen von COVID-19 besser verstehen und lernen, besser damit umzugehen.“ Über die Webseite des Projekts lässt sich die App kostenlos herunterladen.

Langfristiges Vorhaben

„Im Zusammenhang mit einer COVID-19-Erkrankung wird immer wieder von neurologischen Beschwerden berichtet, so auch von Gedächtnisproblemen. Ob das Coronavirus das Nervensystem direkt angreift oder solche Beschwerden eher Begleiterscheinungen der Immunantwort sind, ist nicht ganz klar. Mit unserem Projekt wollen wir dazu beitragen, den Einfluss der Erkrankung auf das Gehirn besser zu verstehen“, erläutert Düzel.

Psychische Belastung in der Pandemie

Der Magdeburger Hirnforscher hat sich mit seinem Team viel vorgenommen. Die Studie soll bundesweit möglichst viele Erwachsene einbeziehen. Beteiligen sollen sich nicht nur jene, die akut an COVID-19 erkrankt sind oder davon betroffen waren. „Die psychische Belastung durch die Pandemie, insbesondere die sozialen Beschränkungen, können der geistigen Fitness zusetzen. Wir möchten deshalb einen möglichst umfassenden Eindruck davon gewinnen, wie es um die Gedächtnisleistung und die psychosoziale Situation der Menschen hierzulande bestellt ist. Uns interessiert auch, wie sich die Lage in den kommenden Monaten entwickelt“, sagt Düzel. Die Studiendauer ist daher auf zwei Jahren angelegt. „Wir wollen das Auf und Ab der Krankheitswellen erfassen und auch wie die Impfkampagne das Geschehen beeinflusst.“ 

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