Ärzte wollen mehr E-Health-Lösungen

Ärzte zeigen sich aufgeschlossen gegenüber E-Health-Anwendungen (Foto: DAK-Gesundheit)

Ärzte wünschen sich mehr E-Health-Anwendungen. Vor allem junge Ärzte zeigen sich aufgeschlossen gegenüber digitalen Lösungen. Allerdings sind solche Anwendungen bei Medizinern in verschiedenem Maße bekannt: Während vier von fünf Ärzten die Video-Sprechstunde kennen, hat von der digitalen Patientenakte bislang nur jeder Zweite gehört. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle „DAK-Digitalisierungsreport 2018“. Für diese Studie hat die DAK-Gesundheit gemeinsam mit der Ärzte Zeitung, dem Hartmannbund, der EPatient RSD GmbH und dem Ärztenetzwerk esanum.de knapp 1.150 Mediziner im gesamten Bundesgebiet befragt.

Rund 80 Prozent der Ärzte halten zum Beispiel Videosprechstunden und Online-Coachings für nützliche Ansätze. Die Studien-Teilnehmer sind davon überzeugt, dass digitale Angebote konkrete Vorteile für die Behandlung haben. Trotz der breiten Zustimmung ist zum Beispiel ein ortsunabhängiger Austausch zwischen Arzt und Patient per Videokonferenz derzeit nur eingeschränkt möglich. Denn geltende Fernbehandlungsverbot sieht vor, dass ein Arzt einen Patienten persönlich untersucht haben muss, bevor er Telemedizin einsetzen darf. Das Bundesministerium für Gesundheit hat angekündigt, das Gesetz auf den Prüfstand zu stellen. Die aktuelle Studie belegt, dass auch die Ärzte diesen Schritt für notwendig halten, um Versorgungsengpässe in ländlichen Regionen mit geringer Arztdichte aufzufangen. „Das Fernbehandlungsverbot muss grundlegend modifiziert werden, um mehr Spielräume für Ärzte und Patienten durch digitale Lösungen zu schaffen“, sagt Andreas Storm, Vorstandschef der DAK-Gesundheit. Andere Länder Europas seien im Bereich E-Health bereits viel weiter. Storm ist überzeugt: „Wenn wir nicht handeln, droht Deutschland den Anschluss zu verlieren.“ Der Vorsitzende des Hartmannbunds, Dr. Klaus Reinhardt, sieht die Studie als positives Signal für die künftige Entwicklung in Deutschland. „Die Befragung belegt die große grundsätzliche Bereitschaft der Kolleginnen und Kollegen, sich den neuen digitalen Möglichkeiten zu öffnen und diese als Chancen neuer Wege in der Versorgung zu sehen.“

Online-Coachings gefragt

Viele der Mediziner halten Zukunftsszenarien für denkbar und sinnvoll, in denen Online-Coachings therapiebegleitend verordnet werden können. Allerdings spielt dabei eine entscheidende Rolle, wer diese Coachings entwickeln würde. Ein Coaching einer Krankenkasse bewerten mehr als zwei Drittel der Befragten positiv. Stammt es von einem Pharma-Unternehmen, sind Ärzte eher skeptisch: Nur gut die Hälfte der Ärzte hält den Einsatz dann für sinnvoll.

Vorteile müssen sichtbar sein

Die meisten Ärzte sehen in digitalen Lösungen auch Vorteile, die über den Patientennutzen hinausgehen. Dazu zählt beispielsweise die Chance auf Wirtschaftlichkeit und Zeitersparnis in der Praxis. Immerhin drei Viertel der Befragten sehen hier einen möglichen oder klaren Nutzen. 85 Prozent sind sicher, dass sich neue medizinische Erkenntnisse und Leitlinien schneller verbreiten lassen. Fast 90 Prozent können sich vorstellen, dass wissenschaftliche Studien mit digitalen Methoden schneller durchgeführt werden können.

„Um die Digitalisierung ambulanter Versorgung voranzubringen, ist es entscheidend, die Effizienzvorteile digitaler Lösungen herauszustellen und Ärzten Wege zu zeigen, wie sie ihre Prozesse mit Hilfe von Telemedizin und Online-Kommunikation beschleunigen können“, ist Ärzte Zeitung-Chefredakteur Wolfgang van den Bergh überzeugt. Der Hartmannbund-Vorsitzende Dr. Reinhardt erwartet Widerstände da, wo neue Instrumente der bloßen Kostenminimierung dienen. Durchsetzen werden sich seiner Einschätzung nach diejenigen Instrumente, die sowohl vom Arzt als auch vom Patienten im Sinne echter Vorteile bei Diagnose und Therapie als sinnvoll und nützlich empfunden werden.

Digitaler Masterplan erforderlich

Mehr als zwei Drittel der befragten Ärzte halten digitale Lösungen für so vielversprechend, dass ihnen die eigene Einschätzung reicht: Sie würden Apps auch ohne Evidenznachweis empfehlen, wenn sie selbst von dem Produkt überzeugt sind. „Digitale Lösungen haben das Potenzial, das Gesundheitswesen voranzubringen. Doch sie müssen validiert sein, bevor sie in die Anwendung kommen. Deshalb müssen wir bei der Nutzenbewertung schneller werden“, mahnt Andreas Storm. Er fordert einen Masterplan für Deutschland, um unter anderem den Aufbau der Telematikinfrastruktur zu beschleunigen und die Interoperabilität von Systemen im Gesundheitswesen herzustellen. „Jährliche Fortschrittsberichte sollten ein weiterer Teil dieses Plans sein. Eine Entwicklung der Digitalisierung ist dringend, daher begrüße ich die Ankündigung des Bundesministeriums für Gesundheit, in der aktuellen Legislaturperiode ein E-Health-Gesetz II zu entwickeln“, so der DAK-Vorstandschef.

Jüngere Ärzte sind offener

Jüngere Ärzte mit maximal zwei Jahren Berufserfahrung sind aufgeschlossener gegenüber E-Health-Lösungen als Ältere mit mindestens 20 Jahren Berufserfahrung. So sieht gut jeder zweite der Jüngeren den Vorteil, durch digitale Anwendungen Zeit zu sparen. Bei den Älteren ist es nur jeder Vierte. Eine bessere Therapietreue ihrer Patienten erhoffen sich 58 Prozent der jüngeren Mediziner. Bei den Älteren ist es nur ein Drittel.

Im Praxisalltag sind digitale Anwendungen noch nicht angekommen. So haben zwar vier von fünf Ärzten schon von der Videosprechstunde gehört, aber nur acht Prozent hatten bereits damit zu tun. Von einer Online-Patientenakte hat nur jeder zweite gehört, nur acht Prozent hatten schon damit zu tun.

Apps sollen nachweislich nutzen

Für die meisten Ärzte ist es wichtig, dass Apps mit therapeutischer oder diagnostischer Funktion auf ihren Nutzen geprüft werden. Einen Nachweis mit klinischen Studien, wie er bei Medikamenten üblich ist, verlangen laut der Studie 80 Prozent der Ärzte.  Ein etwas höherer Anteil von 84 Prozent kann sich eine Art TÜV vorstellen, um eine unabhängige Prüfung zu gewährleisten. Trotzdem sagen zwei von drei Ärzten, dass schlankere Evaluationsmethoden gefunden werden sollten. Das gilt besonders für Apps, die lediglich verhaltensändernd wirken sollen.  Weitere Infos zum DAK-Digitalisierungsreport stehen online zur Verfügung.