Unternehmen & Verbände

Innovationsrat fordert bessere Bedingungen für intelligente Medizin

Die Mitglieder des Innovationsrats während der letzten Sitzung in Hamburg (Foto: Julian Huke Photography / © VDI e.V.)

Gesundheitsdaten schneller nutzbar machen, Zulassungsverfahren planbarer gestalten und mehr Wachstumskapital mobilisieren: Der Innovationsrat Deutschland fordert bessere Rahmenbedingungen für medizinische Innovationen. Auch KI-, Daten- und Softwarekompetenzen sollen stärker in Medizin und Pflege verankert werden.

Deutschland verfügt über eine starke industrielle Gesundheitswirtschaft, bringt Innovationen nach Einschätzung des Innovationsrats Deutschland aber zu langsam aus Forschung und Entwicklung in die Versorgung und den Markt. Das Expertengremium der VDI-Initiative „Zukunft Deutschland 2050“ hat deshalb das Impulspapier „Intelligente Medizin als Wachstumsmotor“ vorgelegt. Darin richtet es Empfehlungen an Politik, Wissenschaft und Unternehmen. Der Innovationsrat wurde 2026 gegründet und besteht aus acht Mitgliedern aus Wissenschaft und Wirtschaft. Seit diesem Jahr beteiligt sich auch die Gesellschaft für Informatik an der Initiative.

„Deutschland forscht in der Medizintechnik auf Weltniveau, doch es fehlen Tempo und Investitionen in der Umsetzung zu erfolgreichen Innovationen“, fasst VDI-Präsident Dr.-Ing. Lutz Eckstein die Position des Innovationsrats zusammen.

Einen Schwerpunkt setzt das Papier beim Zugang zu Gesundheitsdaten. Der Innovationsrat fordert den zügigen Aufbau einer zentralen Datenzugangs- und Koordinierungsstelle, kurz DACO, für medizinische Forschung und Produktentwicklung. Zugleich spricht sich das Gremium für eine stärkere Zentralisierung der Datenschutzaufsicht aus. Unternehmen und Forschungseinrichtungen sollen dadurch verlässlichere Rahmenbedingungen erhalten, wenn sie Gesundheitsdaten für die Entwicklung neuer Diagnose-, Therapie- oder KI-Anwendungen nutzen. Dabei gehe es nicht um niedrigere Schutzstandards, sondern um schnellere und vorhersehbarere Verfahren, argumentiert Innovationsratsmitglied Prof. Dr. Jürgen Kühling. Anforderungen an Datenschutz, Datensicherheit und Cybersicherheit müssten so umgesetzt werden, dass sie Innovationen nicht unnötig verzögerten.

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Zertifizierung bleibt Standortthema

Auch die europäische Medizinprodukteverordnung MDR greift das Papier auf. Laut einer von der EU-Kommission beauftragten Erhebung gaben 58 Prozent der antwortenden Medizinproduktehersteller an, für eine MDR-Zertifizierung mehr als 19 Monate zu benötigen. Die Zahl beschreibt die Erfahrungen der an der Erhebung beteiligten Hersteller und lässt sich nicht ohne Weiteres auf sämtliche Medizinprodukteunternehmen übertragen. Sie verdeutlicht jedoch, weshalb Dauer und Planbarkeit von Konformitätsbewertungen weiterhin zu den zentralen regulatorischen Themen der Branche gehören. Der Innovationsrat fordert deshalb international wettbewerbsfähige und besser planbare Verfahren für Entwicklung und Marktzugang. Ein weiteres Problem sieht das Gremium beim Übergang von Forschung und klinischer Validierung zur industriellen Produktion. Gerade in dieser Phase benötigen Medizintechnik- und Digital-Health-Unternehmen häufig erhebliche langfristige Finanzierungen. Der Innovationsrat fordert deshalb bessere Bedingungen für Wachstumskapital sowie eine stärkere Vernetzung von Forschungseinrichtungen, Kliniken, Start-ups, etablierten Unternehmen und Investoren.

Hinzu kommen sollen planbare steuerliche Forschungs- und Abschreibungsanreize. Die wirtschaftliche Bedeutung des Sektors ist erheblich: Nach Daten des Bundeswirtschaftsministeriums erwirtschaftete die industrielle Gesundheitswirtschaft 2025 rund 101,5 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung und beschäftigte etwa eine Million Menschen. Rund 8,8 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung entfielen auf Forschung und Entwicklung. Auch beim Europäischen Patentamt gehört Medizintechnik weiterhin zu den innovationsstärksten Technologiefeldern. 2025 gingen dort knapp 15.900 Patentanmeldungen aus diesem Bereich ein – damit lag Medizintechnik auf Rang vier der größten Technologiefelder.

KI-Kompetenz soll Teil der Ausbildung werden

Neben Finanzierung und Regulierung adressiert das Papier auch die Qualifikation von Beschäftigten. KI-, Daten- und Softwarekompetenzen sollten nach Vorstellung des Innovationsrats systematisch in die Aus- und Weiterbildung von Medizin- und Pflegeberufen integriert werden. Zugleich sollen Patientinnen und Patienten sowie medizinisches Personal früher in die Entwicklung neuer Technologien einbezogen werden. Damit soll verhindert werden, dass technische Lösungen zwar entwickelt werden, im Versorgungsalltag aber an tatsächlichen Anforderungen vorbeigehen.

VDI / Innovationsrat Deutschland ►

Das VDI-Impulspapier „Intelligente Medizin als Wachstumsmotor” steht online zum kostenlosen Download zur Verfügung.