Datenbrille erleichtert Gehörlosen die Arbeit

Marc Pulz, Mitarbeiter der Schmaus GmbH, nutzt die Datenbrille
Projekt „Work-by-Inclusion“: Marc Pulz, Mitarbeiter der Schmaus GmbH, nutzt die Datenbrille. (Foto: Holger Vogel / Foto Studio West)

Forscher der Technischen Universität München (TUM) haben ein visuelles Kommunikationssystem für hörbehinderte Menschen in der Logistikbranche entwickelt. Dabei werden die für den Arbeitsprozess relevanten Informationen mithilfe einer Datenbrille ins Gesichtsfeld eingeblendet.

Augmented Reality ist laut Professor Willibald Günthner bereits seit längerem ein Forschungsschwerpunkt am Lehrstuhl für Fördertechnik, Materialfluss, Logistik an der TUM. Dabei geht es den Forschern nicht um neue Apps, sondern um den Einsatz der Technik in der Logistik, speziell der Kommissionierung.

Beim Kommissionieren müssen Aufträge abgearbeitet werden; die Mitarbeiter holen bestimmte Waren aus dem Lager, die wiederum an einen anderen Ort abgelegt werden. „Dieser Mensch muss wissen, wohin er gehen und welche Produkte er nehmen soll“, sagt Günthner. In der Regel werden die entsprechenden Informationen auf einen Zettel geschrieben oder auf einem Display angezeigt.

Vollständiges System

Die Idee von Günthner und seinem Team war es, die Informationen stattdessen mithilfe einer Datenbrille einzuspielen. Der Vorteil: Die Mitarbeitenden haben die Hände frei und dadurch mehr Bewegungsspielraum. Zudem werden sie visuell zum Ziel geführt. Die Technologie ist unter dem Begriff „Pick-by-Vision“ als Warenzeichen eingetragen.

In dem dreijährigen Forschungsprojekt „Work-by-Inclusion” ging die Entwicklung der Technologie noch einen Schritt weiter: Die Forscher haben ein komplettes System für die Inklusion hörbehinderter Menschen in einem Betrieb verwirklicht.

Ziel: Inklusion

„Wir wollten mit dem System eine Inklusion erreichen“, sagt Günthner. „Es sollte für hörbehinderte und hörende Menschen sein“. Die Wissenschaftler führten viele Befragungen durch, um die Bedürfnisse und Anregungen der Angestellten in die Entwicklung einfließen zu lassen.

So stellte sich etwa heraus, dass es besser verständlich ist, Informationen durch Symbole zu verdeutlichen als mithilfe von Text. Auch müssen die Brillengestelle individuell an jeden Benutzer angepasst werden, damit dieser sich nicht durch die Brille gestört fühlt. „Es gibt auch einige Funktionen, die wir zusätzlich implementiert haben. So ist es möglich, vorformulierte Kurznachrichten mit anderen auszutauschen“, erklärt Matthias vom Stein, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl. Damit wurde eine Kommunikationsplattform geschaffen, die ohne gesprochene Sprache funktioniert.

Datenbrille auch für andere Anwendungen

Das entwickelte System umfasst die Datenbrille mit der darauf installierten Kommissionier-App, einen Handscanner, mit dem die Barcodes der Waren abgelesen werden, und eine Lagerverwaltungssoftware. „Wir haben eine offene Schnittstelle zu der Kommissionier-App auf Android-Basis definiert“, erklärt vom Stein. Damit kann das System auch von anderen Firmen oder Institutionen genutzt werden. Ebenfalls vorteilhaft: Die Software ist auch für künftige Datenbrillen anwendbar, die das Android-Betriebssystem nutzen.

Beim Büroartikel-Spezialisten Schmaus im sächsischen Hartmannsdorf ist das Gesamtsystem bereits seit Ende 2017 in Betrieb. „Die hörbehinderten Mitarbeiter sind mit Feuer und Flamme dabei, weil sie jetzt einfach Teil der ganzen Mannschaft sind”, sagt vom Stein. „Uns hat das Projekt auch sehr viel Spaß gemacht, eben weil die Menschen dort so begeistert waren“. Das Projekt wurde vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert. Neben der Schmaus GmbH war auch das Softwareunternehmen CIM GmbH am Projekt beteiligt.