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Notfall- und Rettungsmedizin digital vernetzt

Dr. med. Patric Tralls ist Chefarzt der Zentralen Notfallambulanz am Städtischen Klinikum Solingen und einer der Initiatoren des digitalen Netzwerks der DGINA (Deutsche Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin). Foto: Städtisches Klinikum Solingen
Dr. med. Patric Tralls ist Chefarzt der Zentralen Notfallambulanz am Städtischen Klinikum Solingen und einer der Initiatoren des digitalen Netzwerks der DGINA (Deutsche Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin). Foto: Städtisches Klinikum Solingen

Seit vier Jahren nutzen die Mitglieder der DGINA (Deutsche Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin) die Kollaborationsplattform Doctolib Connect (ehem. Siilo) zum fachlichen Austausch. Dr. med. Patric Tralls ist Chefarzt der Zentralen Notfallambulanz am Städtischen Klinikum Solingen und einer der Initiatoren des digitalen Netzwerks. Er gibt Einblicke, wie die Vernetzung die Notfall- und Rettungsmedizin deutschlandweit voranbringt.

Ein Gastbeitrag von Dr. med. Patric Tralls

In der Notfall- und Rettungsmedizin stehen wir immer unter Zeitdruck. Damit wir für unsere Themen ohne Umwege die richtigen Ansprechpartnerinnen und -partner finden, hat die DGINA 2021 ein digitales Netzwerk ins Leben gerufen. Die medizinische Fachgesellschaft setzt sich für die Weiterentwicklung der Notfallmedizin und -pflege ein und ihre Mitglieder treiben dies über das Netzwerk aktiv voran. Es ist exklusiv für DGINA-Mitglieder über die Doctolib Connect App und die Webanwendung zugänglich und entwickelt sich stetig weiter.

Kollaboration über Smartphone und PC

Im DGINA-Netzwerk besprechen wir Mitglieder eine Vielzahl von Themen, die für die Notfall- und Rettungsmedizin deutschlandweit relevant sind – sowohl medizinisch als auch organisatorisch.  Wir diskutieren Fälle aus allen Fachbereichen, die in der Notfallmedizin vertreten sind – zum Beispiel Unfallchirurgie, Innere Medizin oder Neurologie. Die Unfallchirurg:innen der regionalen Traumanetzwerke diskutieren beispielsweise Röntgenbilder und fragen ihre Kolleg:innen: Wie hättest du diesen Patienten oder diese Patientin operativ versorgt?

Ein anderer Bereich ist der Rettungsdienst und die Präklinik. Dort geht es zum Beispiel um folgende Fragen: Wie sind Prozesse in anderen Notfallkliniken organisiert? Werden die Patient:innen vom Rettungsdienst elektronisch angekündigt oder geben die Kolleg:innen die wichtigsten Informationen nach wie vor per Telefon durch?

Zusatz-Weiterbildungen Notfallmedizin

Im DGINA Netzwerk geht es aber auch um die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben. Wir besprechen etwa, wie die Prüfung durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen abgelaufen ist und worauf die Prüferinnen und Prüfer Wert gelegt haben. Die Prüfung basiert auf dem gestuften System von Notfallstrukturen in Krankenhäusern, das vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) definiert wurde und erfolgt stichprobenartig.

Darüber hinaus tauscht sich eine aktive Gruppe junger DGINA-Mitglieder im Netzwerk über die Weiterbildungsprüfung aus. Derzeit gibt es in Deutschland keine Facharztweiterbildung für Notfallmedizin, sondern die Zusatz-Weiterbildungen Notfallmedizin sowie Klinische Akut- und Notfallmedizin. Die Prüflinge besprechen im Netzwerk beispielsweise, wie die Prüfung abläuft und welche Themen relevant waren.

Kommunikation auch in akuten Lagen

Die DGINA-Mitglieder sind in ganz Deutschland verstreut, über das digitale Netzwerk können wir uns trotzdem gegenseitig unterstützen – auch in akuten Situationen. Ich bin Sprecher der Arbeitsgruppe Katastrophenmedizin und zuständig für Themen wie Krankenhausalarm- und Einsatzplanung. Zentrale Notaufnahmen (ZNA) sind als erste Anlaufstelle häufig stark von Krisensituationen und Schadensereignissen betroffen. Unsere Arbeitsgruppe entwickelt und kommuniziert konkrete Handlungsempfehlungen für genau diese Situationen.

Kürzlich erreichte uns beispielsweise die Anfrage eines Kollegen:  Welche Standardkisten mit Verbandsmaterial und anderem Bedarf für den Massenanfall von Verletzten können wir vorhalten? Gibt es eine Liste, welche Materialien in diesen Kisten enthalten sein sollten? Noch vor wenigen Jahren hätten wir solche Anfragen per Mail an den Verteiler mit allen AG-Mitgliedern verschickt und tagelang auf eine Reaktion gewartet. Heute teilen wir diese im DGINA-Netzwerk und haben zwei, drei Stunden später eine oder sogar mehrere Antworten. Gibt es Nachfragen, kann jedes Mitglied die Kollegin oder den Kollegen direkt in der App persönlich anschreiben.

Verbandsarbeit digital

Der digitale Austausch im DGINA-Netzwerk zu medizinischen, prozessualen und berufspolitischen Themen entwickelt sich stetig weiter. Ähnliche Entwicklungen sehe ich in der klinischen Praxis. Die Vorteile der digitalen Kommunikation, die im Alltag allgegenwärtig sind, werden auch dort zunehmend genutzt. Datenschutzkonforme und speziell für das Gesundheitswesen entwickelte Alternativen zu WhatsApp und Co. werden in immer mehr Kliniken eingesetzt.

Im Klinikum Solingen etwa organisieren wir in der ZNA die Kommunikation zwischen den Mitarbeitenden ebenfalls über Doctolib Connect. Besonders im Rufdienst zahlt sich dies aus. Die Kolleginnen und Kollegen fotografieren beispielsweise das Röntgenbild des Patienten bzw. der Patientin ab, anonymisieren es mit einem Klick und senden es an den zuständigen Kollegen oder die Kollegin. So kann die Frage, ob operiert werden muss, direkt über die App geklärt werden. Unsere kardiologische Klinik bietet diesen Kommunikationsweg zum Beispiel auch den niedergelassenen Kolleg:innen an, etwa um Termine zu vereinbaren und Absprachen zu treffen. Das ist deutlich schneller und einfacher als über das Telefon.

Faktor Zeit in der Notfallmedizin entscheidend

Wie wichtig schnelle und gezielte Kommunikation von allen an der medizinischen Notfallversorgung beteiligten Fachkräften ist, zeigte sich in Solingen zuletzt im Rahmen des Terroranschlags am 23. August 2024. Während sämtliche Social-Media-Kanäle mit – oft ungesicherten – Informationen überquollen, kommunizierten die diensthabenden Ärztinnen und Ärzte und Pflegefachkräfte im Städtischen Klinikum Solingen über Doctolib Connect zur Einsatzsituation. Über das Netzwerk konnten wir wichtige Informationen schnell und zuverlässig an die beteiligten Berufsgruppen weitergeben und uns ein Bild davon machen, welche Kräfte zur Bewältigung der Situation im Krankenhaus verfügbar waren.

Die verschiedenen Beispiele zeigen, dass die Vernetzung aller Akteure in der Notfall- und Rettungsmedizin immer wichtiger wird – innerhalb der Kliniken, mit anderen Leistungserbringern und über Interessensvertretungen wie die DGINA. Eine Vielzahl von Kolleginnen und Kollegen niedrigschwellig und schnell erreichen zu können, intensiviert den Wissensaustausch und optimiert den Informationsfluss. Das kommt nicht nur den medizinischen Fachkräften zugute, sondern auch den Patientinnen und Patienten. Denn in der Notfall- und Rettungsmedizin gilt es, keine Zeit zu verlieren.