Schmerzmedizin profitiert von Digitalisierung

Immer mehr Menschen in Deutschland leiden unter akuten oder chronischen Schmerzen. (Foto: andriano_cz - Fotolia.com)

Die Zukunft der Schmerzmedizin liegt nicht nur in der Verbesserung der Arztausbildung und der Sicherstellung der Versorgung in der Breite, sondern vor allem in der intelligenten Nutzung von Innovationen im Versorgungsalltag. Digitalisierung spielt hierbei eine wichtige Rolle, so eine der Erkenntnisse auf dem 29. Schmerz- und Palliativtag „Schmerzmedizin 4.0 – Digitalisierung / Vernetzung / Kommunikation“ der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS).

Sowohl Ärzte als auch Patienten könnten demnach von digitalen Anwendungen profitieren. Wichtige Themen sind dabei auch das Einbinden von Social Media und Smartphones sowie ein zukunftsgerichtetes multimodales Versorgungs- und Schmerzmanagement. Um die Versorgungslage der Patienten realistisch abbilden zu können, vernetzt die DGS mit dem digitalen „DGS-PraxisRegister Schmerz“ bisher als einzige Fachgesellschaft anonymisiert Patientendaten und fachliche Expertise. Bis heute wurden insgesamt von den Nutzern des PraxisRegisters circa 190.000 Behandlungsfälle über das iDocLive-System dokumentiert und rund 850.000 Patientenbefragungen durchgeführt. Im Dezember 2017 nutzten rund 3.500 Betroffene das Dokumentationstool zur Evaluation ihrer Schmerzen. „Damit haben wir eine ausreichende Grundlage geschaffen, um effiziente Versorgungsforschung zu betreiben“, sagt PD Dr. med. Michael A. Überall, DGS-Vizepräsident und Präsident der Patientenorganisation Deutsche Schmerzliga e.V. (DSL). Universell nutzbare elektronische Dokumentationsplattformen bauen Kommunikationsbarrieren und Wissenslücken ab und versetzen damit alle an der Versorgung Beteiligten (auch Patienten) auf den gleichen Kenntnisstand, erklärten die Experten. Nur so bestehe eine Chance, alte Versorgungsstrukturen aufzubrechen und etablierte Berufsbilder zu revolutionieren.

Immer mehr Schmerzpatienten

Immer mehr Menschen in Deutschland leiden an akuten oder chronischen Schmerzen. Der hohen Zahl an Betroffenen stehen nur etwas über tausend spezielle Schmerztherapeuten gegenüber, von denen weniger als die Hälfte überwiegend Schmerzpatienten behandeln. Nach Einschätzung der Experten wird sich „diese grotesk unzureichende Versorgungslage“ in einer rapide alternden Gesellschaft noch weiter verschlechtern. Im Jahr 2050 erwarten Fachleute eine Verdreifachung der Menschen, die über 90 Jahre alt sind und in der überwiegenden Mehrzahl pflegebedürftig sind und Schmerzen haben.

„Die gegenwärtigen Arbeits- und Vergütungsstrukturen in der Schmerzmedizin müssen dringend attraktiver gestaltet werden“, so DGS-Vizepräsident Dr. med. Oliver Emrich. Nur so gibt es seiner Einschätzung nach eine Chance, die jungen Mediziner dafür zu begeistern, sich den Patienten anzunehmen, die bereits beim Orthopäden, Neurologen, Internisten, Onkologen, Geriater oder Allgemeinmediziner waren und als „austherapiert“ gelten. „Nach aktuellen Zahlen sind das über drei Prozent der in Deutschland lebenden Menschen.“ Eine finanzielle Unterstützung der Weiterbildungsassistenten entsprechend der Förderung für Allgemeinmediziner könnte hier einen entscheidenden Beitrag leisten. „Bisher ruhen die finanziellen Lasten der Weiterbildung zur speziellen Schmerztherapie im ambulanten Bereich ausschließlich auf den weiterbildenden Kollegen“, so Emrich.

Orientierungshilfe

Das Angebot der DGS als Fachgesellschaft für schmerzmedizinische Versorgung besteht aus Fortbildungen, der Dokumentation sowie der Unterstützung im Umgang mit den Krankenkassen. Wie wichtig es ist, Ärzten, Patienten und Krankenkassen eine Orientierungshilfe an die Hand zu geben, erläutert DGS-Vizepräsident Dr. med. Johannes Horlemann anhand des Einsatzes von Cannabis in der Schmerzmedizin: „Seit der Gesetzesänderung Anfang 2017, durch die Cannabinoide zulasten der Krankenkassen verordnet werden dürfen, tauchen immer wieder neue Fragen auf – sei es bei der Auswahl der Darreichungsform, der Dosierung, den Indikationen oder auch beim Verordnungsprozedere“, so seine Erfahrung aus der Praxis. Auch in der Prävention gibt es aus Sicht der Experten noch großen Aufklärungsbedarf: „Es könnte weitaus häufiger bereits frühzeitig eine Schmerzbehandlung auch bei Erkrankungen in Betracht gezogen werden, die zunächst gar nicht mit Schmerzproblemen assoziiert werden. Dazu gehören Parkinson, Apoplexie, Demenz und auch Diabetes. Hier gibt es eine hohe Prävalenz von Schmerzen, die vermeidbar wären“, erklärte Emrich. Selbst in der Onkologie, in der tumorbedingte Schmerzen sehr häufig auftreten, kommt der präventiven Schmerzbehandlung eine viel zu geringe Bedeutung zu. „Unsere Aufgabe ist es daher, Ärzten, Patienten und Krankenkassen wirksame Hilfestellungen anzubieten“, so Horlemann.

Neue Praxisleitlinien

Derzeit arbeitet die DGS an neuen Praxisleitlinien, die nicht nur auf einer umfassenden Recherche und Analyse der verfügbaren wissenschaftlichen Daten, sondern auch auf den umfangreichen Erfahrungen schmerz- und palliativmedizinisch tätiger Ärzte basieren. Somit sollen die Behandelnden einen fundierten Überblick über den gegenwärtigen Stand der medizinisch-wissenschaftlichen Forschung auf allen Gebieten der Schmerzmedizin erhalten. Aktuell erstellte PraxisLeitlinien – unter anderem zu Cannabis – sind zur Kommentierung bzw. Konsentierung freigegeben und auf der Internetseite der DGS  einsehbar.