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Erfolgreiche Digitalisierung braucht ein belastbares IT-Fundament

Thorsten Bröske ist Head of Industry Healthcare Germany bei Atos (© Atos)

Die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens tritt in eine neue, entscheidende Phase ein. Mit der elektronischen Patientenakte, digitalen Medikationslisten, vernetzten Versorgungspfaden und wachsenden Gesundheitsdatenräumen nehmen Anwendungen Gestalt an, die den klinischen Alltag nachhaltig verändern können. Die ePA ist seit letztem Jahr für Praxen, Krankenhäuser und Apotheken bundesweit zur Nutzung verpflichtend.

Gastbeitrag von Thorsten Bröske ist Head of Industry Healthcare Germany bei Atos 

Damit ist Digitalisierung im Krankenhaus endgültig Teil der Versorgungsrealität. Sie ist Teil der Regelversorgung geworden. Das verschiebt die zentrale Frage: Nicht mehr allein, welche Anwendung eingeführt wird, entscheidet über Erfolg oder Misserfolg. Entscheidend ist, ob die darunterliegende IT-Landschaft diese Anwendungen sicher, hochverfügbar und compliant betreiben kann.

Viele Krankenhäuser haben in den vergangenen Jahren erheblich in ihre Digitalisierung investiert. Das Krankenhauszukunftsgesetz hat mit einem Fördervolumen von bis zu 4,3 Milliarden Euro gezielt Investitionen in digitale Infrastruktur, Patientenportale, elektronische Dokumentation, digitales Medikationsmanagement, IT-Sicherheit und telemedizinische Netzwerke angestoßen. Doch Förderprogramme allein beheben nicht das strukturelle Grundproblem: In vielen Häusern trifft moderne digitale Versorgung auf historisch gewachsene, heterogene IT-Architekturen.

Der Engpass liegt nicht in der Anwendung

Wenn Digitalprojekte im Gesundheitswesen ins Stocken geraten, kreist die Diskussion zumeist um die Software: um Nutzeroberflächen, Schnittstellen, Fachverfahren oder die Akzeptanz beim medizinischen Personal. All das ist berechtigt. In der Praxis liegt der eigentliche Engpass jedoch häufig in der darunterliegenden IT-Architektur. Krankenhaus-IT muss heute Anforderungen gleichzeitig erfüllen, die früher selten gemeinsam auftraten. Systeme müssen rund um die Uhr verfügbar sein, weil klinische Prozesse kaum Wartungsfenster zulassen. Sie müssen hochsensible Patientendaten zuverlässig schützen. Sie müssen ein dichtes regulatorisches Geflecht erfüllen – DSGVO, gematik-Anforderungen, branchenspezifische Sicherheitsstandards – und künftig noch stärker NIS2-konforme Cybersicherheitsmaßnahmen integrieren. Gleichzeitig sollen sie Innovation ermöglichen: neue Anwendungen, vernetzte Versorgung, Datenanalytik, KI-gestützte Prozesse und eine bessere Einbindung externer Partner.

Viele IT-Landschaften sind für diese parallelen Anforderungen nicht konzipiert worden. Sie bestehen aus über Jahre gewachsenen Systemen, punktuellen Modernisierungen, Fachanwendungen mit proprietären Schnittstellen und Infrastrukturen, die eher schrittweise erweitert als strategisch neu gedacht wurden. Das Ergebnis ist eine hohe operative Komplexität. Jede neue Anwendung erhöht den Druck auf Betrieb, Sicherheit, Identitätsmanagement und Datenintegration. Deshalb scheitern Digitalisierungsprojekte selten an der Idee. Sie scheitern daran, dass das IT-Fundament nicht ausreichend skalierbar, resilient oder steuerbar ist.

Kritische Versorgung braucht kritische Infrastruktur

Krankenhäuser sind Versorgungsinfrastrukturen – und ihre IT ist ein zentraler Teil davon. Sie sind Versorgungsinfrastrukturen im eigentlichen Sinne. Ein Ausfall betrifft nicht nur Prozesse, Kosten oder Servicequalität, sondern unmittelbar die medizinische Handlungsfähigkeit. Wenn Patientenakten, Laborwerte, Bilddaten, Medikationsinformationen oder Kommunikationssysteme nicht verfügbar sind, entsteht ein unmittelbares Risiko für die Versorgungssicherheit und Patientenschutz. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik stellt in seiner Broschüre zur Cybersicherheit im Gesundheitswesen 2025 fest, dass Cyberangriffe auf Arztpraxen und Krankenhäuser eine anhaltende und ernste Bedrohung darstellen. Zugleich verschärft die NIS2-Richtlinie den europäischen Rahmen für Cybersicherheit in kritischen Sektoren; der Gesundheitssektor gehört ausdrücklich zu jenen Bereichen, die stärker in Risikomanagement, Meldepflichten und organisatorische Sicherheitsmaßnahmen eingebunden werden.

Krankenhäuser müssen Digitalisierung also von Beginn an auch als Resilienzprojekt verstehen. Es reicht nicht, einzelne Anwendungen einzuführen und sie nachträglich abzusichern. Sicherheit, Verfügbarkeit, Wiederanlauf, Identitäten, Berechtigungen und Datenflüsse müssen von Anfang an Teil der Architektur sein. Digitale Souveränität bedeutet in diesem Zusammenhang Kontrolle darüber zu behalten, wo Daten verarbeitet werden, wer darauf zugreifen kann, welche Rechtsräume gelten und wie Systeme im Ernstfall weiterbetrieben oder wiederhergestellt werden können. 

Innovation braucht stabile Betriebsmodelle

Krankenhäuser stehen vor einem strukturellen Zielkonflikt: Sie müssen bestehende Systeme stabil halten und sie gleichzeitig schneller erneuern. An dieser Spannung wird die Infrastrukturfrage zur zentralen Weichenstellung. Eine zukunftsfähige Krankenhaus-IT erfordert hybride Betriebsmodelle, klare Datenarchitekturen, moderne Schnittstellen, einen hohen Automatisierungsgrad im Betrieb und Security by Design als Grundprinzip. Sie muss klinische Kernsysteme konsequent schützen und gleichzeitig die Integration neuer Anwendungen ermöglichen. Sie muss Cloud-Technologien nutzbar machen, ohne die Kontrolle über sensible Daten und regulatorische Anforderungen zu verlieren. Und sie muss so betrieben werden, dass IT-Teams nicht dauerhaft im reaktiven Ausnahmezustand arbeiten.

Das betrifft Technik ebenso wie Governance. Krankenhäuser benötigen klare Verantwortlichkeiten zwischen medizinischen Fachbereichen, IT, Datenschutz, Informationssicherheit, Einkauf und Geschäftsführung. Digitale Projekte sollten nicht als isolierte Fachbereichsvorhaben gestartet werden, sondern als integraler Bestandteil einer übergreifenden Architektur-Roadmap. Ein zentrales Prinzip bringt diesen Aspekt prägnant auf den Punkt: Einzeltechnologien lösen keine strukturellen Probleme. KI, Cloud und Security entfalten ihren Nutzen nur im Zusammenspiel; fragmentierte IT hingegen erhöht Risiko, Kosten und Kontrollverlust gleichermaßen. Für Krankenhäuser ist das von besonderer Relevanz, weil die Zahl der Anwendungen stetig wächst, während Personal, Budgets und verfügbare Zeitfenster begrenzt bleiben.

Krankenhausdigitalisierung braucht ein belastbares Fundament

Die kommenden Jahre werden für die Krankenhaus-IT besonders anspruchsvoll. ePA, Telematikinfrastruktur, digitale Medikationsprozesse, Patientenportale, KI-Anwendungen und vernetzte Versorgungsmodelle werden den klinischen Alltag nachhaltig prägen. Gleichzeitig steigen regulatorische Anforderungen und Cyberrisiken weiter. Wer Digitalisierung im Gesundheitswesen erfolgreich gestalten will, muss deshalb am Fundament beginnen. Anwendungen schaffen sichtbaren, messbaren Nutzen. Aber Infrastruktur, Security, Governance, Resilienz und Identity Management entscheiden darüber, ob dieser Nutzen dauerhaft und verlässlich im klinischen Alltag ankommt.

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