Das Smartphone als Netzhautkamera könnte Augenscreenings näher zu den Patientinnen und Patienten bringen. Eine internationale Übersichtsarbeit zeigt, dass einige mobile Fundus-Systeme bereits für ausgewählte Screening- und Triage-Aufgaben geeignet sind. Besonders belastbar ist die Evidenz bei diabetischer Retinopathie – für einen breiten Routineeinsatz fehlen jedoch noch einheitliche Standards und Implementierungsstudien.
Für die Untersuchung der Netzhaut werden Smartphone-Kameras mit optischen Adaptern und speziellen Beleuchtungssystemen kombiniert. Daraus entstehen vergleichsweise kompakte Systeme, die Fundusaufnahmen auch außerhalb klassischer Augenarztpraxen ermöglichen können. Ein internationales Team unter Federführung des Universitätsklinikums Bonn und der Universität Bonn hat nun den weltweiten Stand dieser Technik ausgewertet. Die Forschenden analysierten 30 technische Lösungen sowie 274 wissenschaftliche Publikationen und weitere Quellen. Berücksichtigt wurden neben Bildqualität und diagnostischer Leistung auch Telemedizin, künstliche Intelligenz, regulatorische Anforderungen, Datenschutz und der Einsatz durch nichtärztliches Personal.
Smartphone als Netzhautkamera vor allem für Screening und Triage
Besonders weit ist die Evidenz bei der diabetischen Retinopathie. Auch für Veränderungen des Sehnervenkopfes bei Glaukom sowie ausgewählte Anwendungen bei Frühgeborenenretinopathie sehen die Autoren Einsatzmöglichkeiten. Einige Systeme erreichen bereits Bildqualität und Sichtfelder, die eine Entscheidung unterstützen können, ob eine weiterführende augenärztliche Untersuchung erforderlich ist. Wie unterschiedlich die Ergebnisse zwischen den Systemen ausfallen, zeigen frühere systematische Auswertungen zur diabetischen Retinopathie. Je nach Gerät und Untersuchungsprotokoll schwankte die Sensitivität für überweisungsbedürftige Befunde zwischen 21 und 91,4 Prozent, die Spezifität zwischen 64,9 und 100 Prozent. Die neue Review kommt deshalb ausdrücklich zu dem Ergebnis, dass sich derzeit kein allgemeiner Schwellenwert für die diagnostische Leistung aller Smartphone-Systeme ableiten lässt. Für die Versorgung könnte dennoch gerade die Mobilität entscheidend sein. Nach kurzer Schulung können auch Angehörige anderer Gesundheitsberufe in ausgewählten Szenarien auswertbare Netzhautbilder aufnehmen. Diese lassen sich anschließend telemedizinisch an spezialisierte Zentren übermitteln.
„Dabei ersetzt das Smartphone die augenärztliche Untersuchung nicht“, betont Erstautor der Publikation Raphael Lechtenboehmer. Es könne vielmehr helfen, auffällige Befunde früher zu erkennen und Betroffene gezielter einer spezialisierten Diagnostik zuzuführen.
KI könnte Aufnahme und Auswertung unterstützen
Zusätzliches Potenzial sehen die Forschenden in der Kombination mit künstlicher Intelligenz. Algorithmen könnten beispielsweise bereits während der Aufnahme prüfen, ob Bildqualität und dargestellter Netzhautbereich ausreichen. Weitere mögliche Einsatzfelder sind die Auswahl geeigneter Bilder aus Sequenzen, das Zusammenfügen mehrerer Aufnahmen und die automatische Erkennung auffälliger Befunde. Gerade für große Screeningprogramme könnte das relevant sein, weil nicht jede Aufnahme unmittelbar von einem Augenarzt beurteilt werden müsste. Für KI-Systeme gelten allerdings dieselben Anforderungen an Validierung und Übertragbarkeit: Geräte, Patientengruppen und Aufnahmebedingungen können sich zwischen Trainings- und späteren Einsatzumgebungen erheblich unterscheiden. Die Review nennt diesen sogenannten Domain Shift ausdrücklich als Implementierungsrisiko. Die Autoren der Publikation Smartphone-based fundus imaging in global eye care: Closing the gap fordern größere Implementierungs- und Kosten-Nutzen-Untersuchungen sowie einheitlichere Berichtsstandards. Auch regulatorische Zulassung, Licht- und Gerätesicherheit, Datenschutz, Cybersicherheit und die Kompatibilität unterschiedlicher Smartphone-Modelle müssen berücksichtigt werden.

