An der Charité ist erstmals in Deutschland ein Patient nach der Zulassung mit einem CRISPR-basierten Gentherapeutikum behandelt worden. Der 19-Jährige mit schwerer Beta-Thalassämie benötigt vier Monate nach der Behandlung nach Klinikangaben keine regelmäßigen Bluttransfusionen mehr.
Der Patient erhielt im Mai an der Charité – Universitätsmedizin Berlin Exagamglogene Autotemcel (Exa-cel, Handelsname Casgevy). Das zellbasierte Gentherapeutikum nutzt die Genschere CRISPR/Cas9 und ist seit 2024 in der Europäischen Union bedingt zugelassen. Die Behandlung an der Charité erfolgte nach Angaben der Klinik erstmals in Deutschland im Rahmen der regulären Versorgung. Casgevy ist in der EU unter anderem für Menschen ab zwölf Jahren mit transfusionsabhängiger Beta-Thalassämie zugelassen, für die eine Stammzelltransplantation grundsätzlich infrage kommt, aber kein HLA-kompatibler verwandter Stammzellspender zur Verfügung steht.
Eigene Stammzellen werden genetisch verändert
Für die Therapie werden zunächst blutbildende Stammzellen des Patienten gewonnen. In spezialisierten Laboren wird anschließend mithilfe von CRISPR/Cas9 eine regulatorische Region des BCL11A-Gens verändert. Dadurch beginnen die Zellen wieder verstärkt fötales Hämoglobin zu bilden. Dieses kann die Funktion des bei der Beta-Thalassämie unzureichend gebildeten erwachsenen Hämoglobins teilweise übernehmen und Sauerstoff transportieren. Bevor die genetisch veränderten Stammzellen zurückgegeben werden können, ist eine sogenannte Chemokonditionierung erforderlich. Sie schafft Platz für die veränderten Zellen im Knochenmark. Dem 19-Jährigen wurden am 28. Mai nach Angaben der Charité mehr als 900 Millionen seiner zuvor genetisch veränderten Stammzellen infundiert.
„Jetzt, nur 14 Jahre nach der Erstbeschreibung, ist die Genschere Teil eines Medikaments, mit dem wir schwerkranke junge Menschen im Rahmen der regulären klinischen Versorgung behandeln“, sagt Charité-Vorstandsvorsitzender Prof. Heyo K. Kroemer.
Vier Monate nach Behandlung keine Transfusionen mehr
Vor der Gentherapie war der Patient auf regelmäßige Bluttransfusionen angewiesen. Vier Monate nach der Infusion benötigt er laut Charité keine Transfusionen mehr. Der bisherige Verlauf eines einzelnen Patienten ist jedoch kein neuer Nachweis für die Wirksamkeit des Verfahrens. Grundlage der europäischen Zulassung sind klinische Studien mit Exa-cel. Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA hatte die Zulassung unter anderem damit begründet, dass eine einmalige Behandlung den Bedarf an Bluttransfusionen bei transfusionsabhängiger Beta-Thalassämie deutlich reduzieren kann. Die Zulassung ist allerdings an weitere Datenerhebungen gebunden.
Nachbeobachtung über 15 Jahre
Auch mögliche Langzeitrisiken des Geneditings werden weiter untersucht. Die EMA nennt unter anderem ein theoretisches Risiko unbeabsichtigter genetischer Veränderungen. Zudem sind erhebliche Belastungen und Nebenwirkungen durch die notwendige vorbereitende Chemotherapie möglich. Behandelte Patientinnen und Patienten werden deshalb über 15 Jahre nachbeobachtet. Die Therapie darf zudem nur in speziell qualifizierten Zentren durchgeführt werden. Die Charité ist nach eigenen Angaben das erste entsprechend qualifizierte Zentrum in Deutschland.

