Forschung

Typ-1-Diabetes-Screening bei Kindern europaweit umsetzbar

Frühscreening bei Kindern auf Diabetes Typ 1 (Foto: Smarterpix / AndreyPopov)

Ein Typ-1-Diabetes-Screening bei Kindern lässt sich nach ersten europäischen Daten auch über unterschiedliche Gesundheitssysteme hinweg umsetzen. Im Projekt EDENT1FI wurden mehr als 140.000 Kinder und Jugendliche in acht Ländern nach einem gemeinsamen Grundschema auf Inselautoantikörper getestet. Der nächste Schritt ist schwieriger: Aus dem Screening müssen verlässliche Wege für Bestätigung, Beratung, Verlaufskontrolle und gegebenenfalls frühe Therapie werden.

Typ-1-Diabetes beginnt häufig lange bevor erste typische Symptome auftreten. Bereits in den sogenannten Stadien 1 und 2 lassen sich charakteristische Autoantikörper nachweisen, während die Betroffenen noch keine oder nur geringe Stoffwechselveränderungen zeigen. Erst Stadium 3 entspricht dem klinisch manifesten Typ-1-Diabetes mit ausgeprägter Hyperglykämie und Insulinbedarf. Das europäische Forschungsprojekt EDENT1FI untersucht, ob sich diese frühen Stadien im Rahmen eines bevölkerungsbezogenen Screenings erkennen lassen. Beteiligt sind Programme in Tschechien, Dänemark, Schweden, Deutschland, Italien, Polen, Portugal und Großbritannien. Ein dafür entwickeltes Masterprotokoll definiert nicht nur die Autoantikörpertests, sondern auch Bestätigungstests, metabolische Stadieneinteilung, Beratung und Nachsorge.

Typ-1-Diabetes-Screening erreicht auch Kinder ohne familiäres Risiko

Auf dem Jahreskongress der European Association for the Study of Diabetes (EASD) wurden nun Daten von 140.568 gescreenten Kindern und Jugendlichen vorgestellt. Das mediane Alter lag bei 7,6 Jahren. Nur 7,3 Prozent hatten einen Verwandten ersten Grades mit Typ-1-Diabetes; mehr als 90 Prozent kamen aus Familien ohne eine solche Vorgeschichte. Bei 219 Kindern mit familiärem Risiko wurde ein frühes Stadium gefunden, entsprechend 2,13 Prozent. Unter den Kindern ohne erkrankten Verwandten waren es 408 beziehungsweise 0,32 Prozent – ungefähr eines von 350 untersuchten Kindern. Insgesamt wurden 634 Teilnehmende mit einem entsprechenden Befund identifiziert. Gerade diese Verteilung spricht für den bevölkerungsbezogenen Ansatz: Obwohl das individuelle Risiko bei familiärer Vorbelastung deutlich höher ist, stammt ein großer Teil der später Erkrankenden aus Familien ohne bekannte Typ-1-Diabetes-Vorgeschichte.

Positiver Test braucht einen Versorgungspfad

Ein Screening allein verbessert allerdings noch keine Versorgung. Von den 634 identifizierten Teilnehmenden absolvierten bislang 386 eine weiterführende metabolische Stadieneinteilung. Bei 300 lag Stadium 1 vor, bei 70 Stadium 2. Bei 16 Kindern war bereits Stadium 3 erreicht. Betroffene Familien werden zudem beraten und können in das europäische Prä-Typ-1-Diabetes-Register aufgenommen werden. Genau diese nachgelagerten Prozesse dürften darüber entscheiden, ob aus Pilotprogrammen ein reguläres Screening werden kann. Ein aktueller internationaler Konsensus fordert deshalb unter anderem eine Bestätigung positiver Autoantikörperbefunde in einer zweiten Probe sowie klar definierte Wege für metabolische Einordnung, Beratung und weitere Überwachung. Die Früherkennung gewinnt zusätzlich an Bedeutung, weil erstmals eine krankheitsmodifizierende Therapie verfügbar ist. Teplizumab ist in der EU für Erwachsene und Kinder ab acht Jahren mit Typ-1-Diabetes im Stadium 2 zugelassen und soll den Übergang in das insulinpflichtige Stadium 3 verzögern. Ein Screeningbefund kann damit bei einem Teil der Betroffenen erstmals unmittelbare therapeutische Konsequenzen haben.

Italien hat nationales Screening bereits gesetzlich verankert

Wie unterschiedlich die Umsetzung in Europa noch ist, zeigt Italien. Dort wurde bereits 2023 ein landesweites pädiatrisches Screeningprogramm für Typ-1-Diabetes und Zöliakie gesetzlich beschlossen. Für das Programm sind auch dauerhaft Haushaltsmittel vorgesehen. Auch international empfehlen die EDENT1FI-Forschenden künftig mehrere Untersuchungszeitpunkte im Kindes- und Jugendalter – konkret im Alter von zwei bis vier, sechs bis acht sowie zehn bis 15 Jahren. Dabei handelt es sich bislang um einen Vorschlag des Forschungskonsortiums und nicht um einen europaweit etablierten Screeningstandard. Die aktuell vorgestellten EDENT1FI-Ergebnisse sind zudem Kongressdaten und noch keine vollständig peer-reviewte Publikation der 140.568 Fälle. Das zugrunde liegende Screening- und Versorgungskonzept ist dagegen bereits wissenschaftlich veröffentlicht.

European Association for the Study of Diabetes / EDENT1FI ►