Osteoporose-Screening mit KI soll vorhandene CT-Aufnahmen für eine zusätzliche Beurteilung der Knochengesundheit nutzen. Die CE-zertifizierte Software SpineQ von Bonescreen bestimmt aus Routine-CTs unter anderem die Knochendichte und sucht nach Wirbelkörperfrakturen – ohne zusätzliche Bildgebung oder Strahlenexposition. Dafür erhält das Münchner Unternehmen den Preis für Innovation in der Medizintechnik 2026.
Osteoporose bleibt häufig lange unentdeckt. Für Deutschland schätzt der SCOPE-Report der International Osteoporosis Foundation die Zahl der Betroffenen auf rund 5,66 Millionen im Jahr 2019. Gleichzeitig bestehen erhebliche Lücken bei Diagnostik und Therapie. Eine aktuelle deutsche Leitlinienpublikation geht davon aus, dass 71 Prozent der Menschen mit Osteoporose keine entsprechende Behandlung erhalten. Bonescreen setzt deshalb auf ein sogenanntes opportunistisches Screening. Dabei werden CT-Aufnahmen, die bereits aus anderen medizinischen Gründen angefertigt wurden, zusätzlich ausgewertet. Die Software SpineQ analysiert Aufnahmen von Wirbelsäule, Thorax, Abdomen oder Hüfte und erstellt daraus Informationen zur Knochendichte sowie zu möglichen osteoporotischen Wirbelkörperfrakturen. Die Deutsche Gesellschaft für Biomedizinische Technik im VDE (DGBMT) und die Stiftung Familie Klee zeichnen den Ansatz 2026 mit ihrem mit 15.000 Euro dotierten Innovationspreis aus.
Osteoporose-Screening mit KI ohne zusätzliche CT
Technisch segmentiert und klassifiziert die Software die Wirbelkörper automatisiert und bestimmt daraus quantitative Biomarker der Knochengesundheit. Eine zusätzliche CT-Aufnahme ist dafür nicht erforderlich.
„Wir haben mehrere Algorithmen entwickelt, die Bilddaten strukturieren, klassifizieren und auswerten. Erkennungsmerkmale geben vor, was ausgewertet werden darf und was nicht“, erklärt Bonescreen-Mitgründer Jan Kirschke.
Der Ansatz soll vor allem auffällige Befunde sichtbar machen, die bei einer CT-Untersuchung mit einer anderen ursprünglichen Fragestellung unentdeckt bleiben könnten. Das Ergebnis ersetzt allerdings keine vollständige Osteoporose-Diagnostik. Auch Bonescreen weist darauf hin, dass eine mit SpineQ ermittelte niedrige Knochendichte allein weder für die Diagnose noch für die individuelle Vorhersage des Frakturrisikos ausreicht. Weitere klinische Risikofaktoren müssen einbezogen werden.
Studien zeigen Potenzial der automatisierten Auswertung
Die technische Grundlage wurde bereits in mehreren Studien untersucht. In einer Arbeit mit 192 Patientinnen und Patienten zeigten automatisiert aus Routine-CTs bestimmte Knochendichtewerte eine stärkere Assoziation mit vorhandenen Wirbelkörperfrakturen als die parallel erhobenen DXA-Werte. Die Autoren kamen zu dem Ergebnis, dass ein vollständig automatisiertes opportunistisches Screening grundsätzlich machbar ist. Eine 2026 veröffentlichte Studie untersuchte zudem die automatische Erkennung von Wirbelkörperfrakturen mit SpineQ. Analysiert wurden 3.548 Brust- und Lendenwirbel von 331 Personen. Bei der Erkennung klinisch relevanter moderater und schwerer Frakturen erreichte die Software eine vergleichbare beziehungsweise in einzelnen Auswertungen höhere diagnostische Genauigkeit als erfahrene menschliche Beurteiler. An der Studie waren allerdings auch Mitgründer von Bonescreen beteiligt; entsprechende Interessenkonflikte wurden offengelegt.
Zusätzlicher Nutzen aus bereits vorhandenen Bilddaten
Nach Angaben des Unternehmens wird SpineQ mittlerweile in knapp 100 radiologischen Praxen eingesetzt. Unabhängig überprüfen lässt sich diese Verbreitungszahl bislang nicht. Der medizintechnisch interessante Ansatz liegt deshalb weniger darin, die etablierte DXA-Knochendichtemessung zu ersetzen. Vielmehr sollen Bilddaten, die im Gesundheitssystem ohnehin entstehen, für eine zusätzliche Früherkennung genutzt werden. Ob ein solches opportunistisches Screening langfristig tatsächlich zu früheren Diagnosen, weniger Frakturen und einer besseren Versorgung führt, muss sich jedoch in der breiteren Anwendung noch zeigen.

