Verlässliche Qualität für Gesundheits-Apps

Arzt arbeitet mit Tablet-PC
Arzt arbeitet mit Tablet-PC: „Wir könnten ermöglichen, dass in Gesundheits-Apps verlässliches medizinisches Wissen enthalten ist“ (Foto: © visivasnc/fotolia.com)

Über 100.000 Gesundheits-Apps, die derzeit in den App-Stores verfügbar sind, unterliegen keinerlei verbindlicher Qualitätskontrolle. Ein Digitalisierungsprojekt der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) e. V. soll hier künftig für Fortschritte sorgen.

Patienten und Mediziner erwarten mehr Orientierung bei digitalen Anwendungen. Besonders schwierig ist es, die Qualität von Apps in Bezug auf Relevanz, Objektivität, Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit einzuschätzen. Bislang gibt es dafür keinen einheitlichen Bewertungsmaßstab. In den Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) e. V.  ist der aktuelle Wissensstand der Evidenz-basierten Medizin festgehalten. Um dieses Wissen auch über Apps noch besser zugänglich zu machen, hat die AWMF jetzt ein Digitalisierungsprojekt gestartet.

Pragmatische Qualitätsanforderungen

PD Dr. med. Urs-Vito Albrecht vom Peter L. Reichertz-Institut für medizinische Informatik der Medizinischen Hochschule Hannover forderte auf der letzten AWMF-Leitlinien-Konferenz die jeweiligen Fachgesellschaften dazu auf, gemeinsam pragmatische Qualitätsanforderungen zu vereinbaren und nicht nur fachspezifische Siegel zu entwickeln. Wichtig sei bei einer Qualitätsinitiative, die auf dem von internationalen Unternehmen bestimmten Markt der Apps greifen soll, hohe Sichtbarkeit und Interdisziplinarität. Um die Qualität einer App bewerten zu können, müsse man etwa auf ihre Zweckmäßigkeit, ihr Risikopotenzial, ihre ethische Unbedenklichkeit und auf ihre inhaltliche Validität achten.

Für die inhaltliche Validität stehen die Leitlinien der Fachgesellschaften in der AWMF als Grundlage zur Verfügung. Sie dienen Ärzten in Klinik und Praxis dazu, aktuelle, wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse anzuwenden. Patientenversionen der Leitlinien helfen Betroffenen und ihren Angehörigen, sich wissenschaftlich fundiert zu informieren.

Um den Zugriff auf Leitlinien und ihre Nutzung, aber auch Transparenz über ihre Entstehung, Aktualisierung und Bewertung zu verbessern, sollen diese künftig digital erstellt, verwaltet, implementiert und evaluiert werden. Dafür bedarf es einer klaren Struktur für alle Leitlinien. Dazu muss ein Datenmodell entwickelt, Terminologien und Schnittstellen definiert werden.

Leitlinien schneller aktualisieren

„Dies wird Leitlinienautoren spürbare Arbeitserleichterungen schaffen, indem sie bereits existierende digitale Anwendungen nutzen können – beispielsweise für die Bewertung der Evidenz und die Konsensfindung über alle beteiligten Fachdisziplinen“, betont Professor Dr. med. Ina B. Kopp, Leiterin des AWMF-Instituts für Medizinisches Wissensmanagement (AWMF-IMWi). Es helfe aber auch dabei, einzelne Aspekte in Leitlinien schneller zu aktualisieren oder Aussagen über mehrere Leitlinien hinweg durchsuchbar zu machen.

Nutzungsmöglichkeit für Arztinformationssysteme

Ein besonders großer Nutzen ergibt sich bei der Implementierung des Leitlinienwissens. Ziel des Digitalisierungsprojektes der AWMF ist es auch, Leitlinien oder Leitlinienkomponenten über Systemgrenzen hinweg nutzbar zu machen. Leitlinienwissen ließe sich dann unmittelbar in digitalen Informationsangeboten wie Arztinformationssystemen oder einrichtungsinternen Behandlungspfaden, Lernplattformen für die Ausbildung von Medizinstudierenden und Informationsportalen für Patienten einbinden. Es wäre außerdem optimal für Apps zu nutzen. „So könnten wir ermöglichen, dass in den vielen auf dem Markt befindlichen Gesundheits-Apps verlässliches medizinisches Wissen enthalten ist“, prognostiziert Professor Dr. med. Claudia Spies, Vorsitzende der Ständigen Kommission Leitlinien der AWMF. Bis zum Jahr 2022 soll laut AWMF-Plan die Digitalisierung von Leitlinien umgesetzt sein.

Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V. (AWMF) handelt im Auftrag ihrer 179 medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften. Gegründet im Jahr 1962 mit dem Ziel, gemeinsame Interessen stärker gegenüber dem Staat und der ärztlichen Selbstverwaltung zu positionieren, erarbeitet die AWMF seitdem Empfehlungen und Resolutionen und vertritt diese im wissenschaftlichen und politischen Raum.