Psychotherapeuten sehen TI kritisch

Psychotherapeutische Praxis
Psychotherapeutische Praxis: Viele Psychotherapeuten des DPNW sind von der Telematikinfrastruktur enttäuscht, knapp zwei Drittel nutzt sie nicht (Foto: stylephotographs /123rf.com)

Welchen Nutzen bringt die Telematikinfrastruktur (TI) in psychotherapeutischen Praxen? Das Deutsche Psychotherapeuten Netzwerk (DPNW) hat hierzu eine Umfrage durchgeführt.

Das DPNW führte zwischen Oktober 2021 und März 2022 eine Umfrage zur Telematikinfrastruktur in der psychotherapeutischen Praxis durch. 1.763 Personen nahmen an der Befragung teil. Davon war etwa ein Drittel (619) zum Zeitpunkt der Befragung an die TI angeschlossen; die übrigen Personen (1.144) nicht. 80 Prozent der Teilnehmer gaben als Beruf psychologischer Psychotherapeut oder Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut an. Der Verband wollte nicht nur wissen, wie viele Psychotherapeuten an die Telematik-Infrastruktur angeschlossen sind, sondern auch, welche Erfahrungen gemacht wurden und ob ein Nutzen gesehen wird.

Die Ergebnisse fallen ernüchternd bis widersprüchlich aus: So sieht der Verbandsvorsitzende Dieter Adler die angeschlossenen Psychotherapeuten zwar auch ohne TI als „gut digitalisiert“ und „technikfreundlich“ an. Die überwiegende Mehrheit fühlt sich der Befragung zufolge allerdings nicht sicher beim elektronischen Datenaustausch. 65 Prozent waren zum Befragungs-Zeitpunkt trotz Sanktionen nicht an die TI angeschlossen.

Deutliche Ablehnung

Die Telematikinfrastruktur wird überwiegend kritisch gesehen: Vier von fünf Befragten geben an, die TI sei bei der alltäglichen psychotherapeutischen Arbeit gar nicht oder wenig hilfreich. 90 Prozent der Befragten beurteilen die Daten anderer Behandler als nicht hilfreich für die Therapiedurchführung. Zwei Drittel der Befragten gaben an, die elektronische Kommunikation der KBV (KIM) nicht nutzen zu wollen. 90 Prozent der Befragten hatten bislang keinen Patienten mit elektronischer Gesundheitsakte.

Etwa zwei Drittel der Befragten gaben einen TI-bedingt erhöhten Zeitaufwand von durchschnittlich 83 Minuten pro Woche für die Pflege des Praxisverwaltungssystems an. Der finanzielle Mehraufwand für den TI-Betrieb betrug nach Angaben der Befragten durchschnittlich 914 Euro jährlich; hinzu kämen durchschnittlich 96 Euro Kosten pro Monat, die nicht erstattet würden.

Gespräche statt Technik

Der DPNW-Vorsitzende Dieter Adler meint: „Unsere Umfrage zeigt, dass unser Berufsstand keineswegs technikfeindlich ist. Wir geben im Schnitt 700 Euro im Jahr für Digitalisierung aus. Wir nutzen Computer, Laptop oder Tablet. Mehr brauchen wir nicht. Unser Instrument der Wahl zur Behandlung ist allerdings das Gespräch. Das kann weder durch Technik ersetzt noch verbessert werden.“

Adler kommentiert weiter: „Insgesamt ist die Umfrage eine deftige Absage für die TI. Alle sind mehr oder weniger enttäuscht und frustriert. Zwei Drittel von uns sind trotz finanzieller Einbußen nicht dabei und ein Drittel würden sich mit ihrem heutigen Wissen nicht wieder an die TI anschließen lassen. Deutlicher kann man es nicht sagen.“ Die Umfrage verdeutliche, dass die Telematikinfrastruktur keinen Nutzen, sondern nur Aufwand und Kosten bringe.

Das Deutsche Psychotherapeuten Netzwerk – Kollegennetzwerk Psychotherapie (DPNW) wurde 2019 in Bonn gegründet und zählt rund 2.000 Mitglieder.

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